01.02.2003 Unerschütterlicher Optimismus?

Ein trauriger Fakt im Leben des Fußballfans ist es, dass es häufig am schönsten ist, bevor es überhaupt losgeht. Das gilt für einzelne Spiele, aber auch komplette Saisons. Die lange Sommerpause lässt uns immer träumen – ein neuer Trainer, ein neuer Spieler oder gar ein neues Stadion und schon sehen wir im nächsten Jahr Traumfußball. Und selbst wenn sich eigentlich nichts ändert, könnten die Profis ja so gut trainieren, dass sie ihr bislang gut verstecktes Potential urplötzlich offenbaren.

Aber die Enttäuschung folgt meist nach nur wenigen Spielen: Kein Wunder auch, denn Euphorie entwickelt sich nur bei denjenigen Fans, deren Team stärker als erwartet spielt. Und das können der Logik nach nur sehr wenige sein – mindestens die halbe Liga will ins internationale Geschäft, der Rest bloß nicht um den Abstieg mitspielen, da müssen einige in den sauren Apfel beißen.

Unerschütterliche Optimisten – und die müssen die Mehrheit bilden, sonst wären unsere Stadien viel leerer – erwarten trotzdem bei jeder Partie eine deutliche Leistungssteigerung, guten Fußball sogar. Das Gedächtnis blendet anscheinend konsequent die Stockfehler, die grauenhaften Flanken, die schwachen Abschlüsse, die fehlende Zuordnung hinten der letzten Spiele einfach aus.

Zugegeben, die Kicker selbst nähren mit ihren wechselhaften Leistungen solche Fantasien. Logik allein kann nämlich nicht erklären, wieso ein Team in einer Woche vor Passivität und Lustlosigkeit nur so strotzt, in der folgenden Partie sich plötzlich wieder an das kleine Einmaleins des Fußballs erinnert und ordentlich spielt.

Hier die aktuelle Stimmungstabelle (nach dem 18. Spieltag), natürlich auch nur eine Momentaufnahme:

Euphorie:
1. Bremen (toller Fußball, toller Tabellenplatz)
2. Stuttgart (guter Fußball, junges Team, ordentlicher Tabellenplatz)
3. Bochum (guter Fußball, ein paar Kantersiege, gute Stimmung im Team)

Freude:
4. Bielefeld (gesichertes Mittelfeld für den Abstiegskandidaten Nummer 1)
5. 1860 (oben dran, bestes Sturmduo)

Neutral:
6. Bayern (souveräner Tabellenführer, aber international enttäuschend)
7. Schalke (trotz Trainerneuling und vielen Verletzten auf Platz 4)
8. Dortmund (im Soll, aber mit unattraktivem Gekicke)
9. HSV (endlich mal wieder nicht im Abstiegskampf trotz verkorkster Einkaufpolitik)

Kopfschütteln:
10. Wolfsburg (neues Stadion, neue Ziele, aber sie scheinen noch nicht realisierbar)
11. Nürnberg (keine Fortschritte zu erkennen, späte Gegentore)
12. Hertha (mehr Schatten als Licht, Abwehr hui, Sturm pfui)
13. Rostock (Abstiegskampf wie immer, sehr heimschwach)
14. Hannover (Bobic is back, attraktiver Fußball, aber ohne zählbaren Erfolg)

Im Keller:
15. Gladbach (Supertrainer, aber mieser Fußball)
16. Cottbus (13 Punkte aus 18 Spielen, Rote Laterne)
17. Leverkusen (vom CL-Finalisten zum Abstiegskandidaten)
18. Kaiserslautern (Vorletzter und vor dem finanziellen Ruin)

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Autor:
Alex Brante
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