19.12.2005 Rauswürfe, Rücktritte und andere Kapitulationen

Die Hoffnung stirbt zuletzt, heißt es bekanntermaßen. Dann sind wir jetzt wohl so ziemlich am letzten Ende angekommen, denn ich bin vollkommen hoffnungslos.

Der Rauswurf von Rapolder war überfällig – das habe ich ja schon in meinen vorherigen Beiträgen genügend begründet. Deshalb zum Ex-Trainer an dieser Stelle nur noch eines: Danke für nichts, Herr Rapolder.

Der Rücktritt von Rettig war ebenfalls fällig. Vor dieser Konsequenz zum jetzigen Zeitpunkt ziehe ich aber den Hut. Immerhin hatte der Mann noch einen Vertrag bis zum Saisonende. Dass Andreas Rettig eine nette und grundehrliche Haut ist, schreiben wir ihm dann auch alle gerne ins Zeugnis – aber das wussten wir ohnehin schon. Leider fallen in seine Ära allerdings kaum nennenswerte Erfolge, wenn man von den Pflichtaufstiegen aus der 2. Liga absieht.

Fehlt noch der Präsident. Natürlich kann man in der jetzigen Situation ohne Manager und Trainer nicht auch noch auf den Häuptling verzichten. Schließlich muss sich einer um den Ersatz kümmern. Dadurch bekommt Overath denn noch unverhofft eine zweite Chance: schlagen die neuen Kräfte ein und der Abstieg wird verhindert, hat er alles wieder gerichtet. Steigen wir aber am Ende der Saison ab – muss Overath ebenfalls gehen. Ein solcher Abgang täte mir dann unendlich leid, denn immerhin war der Mann als Spieler nicht nur mein Idol. Der Abstieg wird sich allerdings wohl nicht verhindern lassen. Genauso wie Duisburg und Lautern werden wir den Klassenerhalt nicht schaffen. Um am Saisonende auf knappe 40 Punkte zu kommen, müssen diese drei nämlich mindestens 9 (!) von ihren 17 Spielen gewinnen. Das dies wohl nicht funktionieren kann, sieht auch der größte Optimist ein.

Zum ersten Mal überhaupt kapituliere ich also ebenfalls frühzeitig und zwar hoffnungsmäßig. Bis lange in die aktuelle Saison hinein habe ich geglaubt, dass die Qualität unseres Kaders theoretisch sogar für Platz 10-12 reichen müsste. Diese Meinung wurde von vielen Nicht-FC-Fans auch uneingeschränkt geteilt. Ein fataler Irrtum! Dabei lagen die Probleme nicht in der Offensive. Immerhin haben wir 24 Tore erzielt – nur die drei Erstplatzierten in der Tabelle sowie Hertha und Hannover haben mehr Tore geschossen. Schalke kommt z.B. nur auf 19 Treffer. Und dabei hatten wir im Sturm die ärgsten Verletzungssorgen. Die Probleme bestanden vielmehr in der katastrophalen Defensive (39 Gegentore) und im niemals vorhandenen Spielaufbau. Diese Schwachstelle bestand bereits in der Vorsaison und wurde auch bereits in meinem Beitrach zum ersten Spieltag („Realistisch") entsprechend erwähnt.

Überraschend hinzu kam jedoch die Erkenntnis, dass ein großer Teil der Mannschaft über zu wenig Charakter verfügt. Anzufangen wäre die Kritik bei den kreuzbraven Schlüsselspielern Wessels und Schindzielorz (Torwart und Käpt’n) – die sich immer zu leise und zu bescheiden in ihr Schicksal fügen. Vielleicht hätte Stefan Wessels sich bei Olli Kahn mal abschauen sollen, wie man vor Wut den eigenen Vorderleuten dann und wann mal an die Gurgel gehen kann. Nicht unerwähnt bleiben darf auch Podolskis Lustlosigkeit. Alpay und Mokthari brauchen hier sowieso nicht weiter genannt werden. Und wenn der schon länger existierende Verdacht, dass ein Teil der Mannschaft in den letzten Wochen gegen den Trainer gespielt hat, nun auch mehr oder weniger offiziell von Overath im Abgesang zu Rapolder bestätigt wird, dann zeugt auch dies von entsprechender Charakterschwäche. Hinzu kommen grobe technische Mängel und eklatante Zweikampfschwächen bei großen Teilen des Kaders.

Die Mannschaft ist demzufolge ein Trümmerhaufen, der auch unter einem neuen Trainer keinen Anlass zur Hoffnung gibt. Man kann sich dabei nur wünschen, dass für diesen Job nicht einer der üblichen „Feuerwehrleute" zur Abstiegsverhinderung geholt wird (womöglich gar Berger), so wie man das in Nürnberg gerade vorgemacht hat. Vielmehr wäre eine perspektivische Lösung zu wählen, wie das in Duisburg wohl der Fall zu sein scheint. Der Neue soll sich gedanklich auch mit dem erneuten Neuaufbau in der 2. Liga befassen, da der Überlebensfall kein reales Szenario sein wird. Leider fällt mir da keiner richtig ein, der bezahlbar ist und das ausreichend dicke Fell für diesen Job hat. Komm mir ja keiner mit Rangnick – ein schwäbischer Unsympath war uns genug!

Nun wird die Trainerauswahl nach den Aussagen Overaths aber wohl auch mit in die Hände des zunächst zu engagierenden Rettig-Nachfolgers gelegt. Hier lauert wohl die noch größere Herausforderung. Wenn man den ersten Spekulationen folgt, dann stehen dabei so „kompetente" Namen wie Rüssmann oder Geenen im Raum. Wenn wir den Weg der konsequenten Selbstzerstörung des Vereines fortsetzen wollen, dann sind dies sicherlich erste Adressen. Meine Kapitulation in der Hoffnung auf den Klassenerhalt würde in diesem Fall allerdings durch die Totalkapitulation ersetzt: Wenn eine dieser Gestalten tatsächlich das Rennen macht, geht dem Präsidenten am folgenden Tag ein Brief mit meinem Mitgliedsausweis zu. Auch hochgradig masochistisch veranlagte Fan-Charaktere sind nicht unendlich strapazierbar.

Mir stonn (nit mih lang) zu Dir,

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06.12.2005 Scherbengericht von SoWO
Autor:
SoWO
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