04.07.2005 Die Stunde der Komödianten
Während Fußball-Deutschland nach der Niederlage gegen Brasilien grübelt, ob es bei der WM im nächsten Jahr so ganz glatt mit dem Titel laufen wird, und gleichzeitig im Videotext für Minderbemittelte beim DSF sich von über 2000 Zuschauern bei der Frage nach der stärksten Liga in Europa knapp 60 % für die Bundesliga entschieden haben, bringen sich im Hintergrund die Truppen in Stellung, die den gemeinen Fan in den nächsten Jahren beabsichtigen in Geiselhaft zu nehmen, wenn es um die Finanzierung ihrer diversen Interessen geht.
Nachdem die Bayern in der Champions-League Chelsea deutlich den Vortritt lassen mussten, war es an der Zeit ordentlich auf die Kacke zu hauen und das Klagelied von der finanziellen Unterlegenheit zu singen, welche es in alle Ewigkeit verhindern wird, jemals wieder diesen Titel nach München, an den Nabel der Fußball-Welt, zu holen. Der böse Russe zahlt alles, da herrscht keine Chancengleichheit mehr, selbst die Franzosen kassieren die dicke Marie von ihren Fernsehsendern, Spanier und Italiener verschulden sich bis ans Ende des Dispos und müssen dann mühselig vom Ministerpräsidenten gerettet werden. Alles ist aus, zukünftig werden uns Zypern und Malta die Startplätze in den Europapokalen streitig machen. Doch Rettung naht in Gestalt von K. H. "Rotbäckchen" Rummenigge, der das alles flugs durchgerechnet hat und zu dem Ergebnis gekommen ist, wie die Wettbewerbsfähigkeit der Bundesliga im Besonderen und die der Bayern im Speziellen hergestellt werden kann. Man braucht einfach mehr Geld!!!
Sollten Sie jetzt zu den Leuten gehören, die im DSF-Text für die Bundesliga als stärkste Liga gestimmt haben, brauchen Sie nicht mehr weiter zu lesen. Für Sie ist der Fall ohnehin schon gelöst. Für alle anderen Leser geht es jetzt weiter.
Mehr Geld will Premiere zahlen. Allerdings möchte man es ein bißchen exklusiver als bisher. Zu diesem Zweck will man den Fernseh-Zuschauer gerne aussperren, um ihn bei einer Berichterstattung am späten Abend oder am nächsten Tag zum glücklichen Premiere-Abonnenten umzuzüchten. Denn, so die einfache Rechnung, wenn es um 18.00 Uhr statt der Sportschau Dr. Sommerfeld im TV zu bestaunen gibt, wird der Fan über kurz oder lang so weichgekocht sein, dass er schließlich zum Telefon greift, um sich den Decoder ins Haus zu rufen. Was auf den ersten Blick als gut durchdachter Geschäftsplan daherkommt, entpuppt sich allerdings als Rechnung mit mehreren Unbekannten.
Wem hat die Bundesliga die Zuschauerrekorde der vergangenen und wahrscheinlich auch kommenden Saison zu verdanken? Wer hat dafür gesorgt, dass ich ab 1992/93 plötzlich kleine Kinder in Berlin auf der Straße in Dortmund-Trikots gewandet gesehen habe? Dem/Das Free-TV!
Schlicht und ergreifend das Hochjazzen von sportlich durchschnittlicher Ware durch SAT1 hat in vielen Menschen den Eindruck erweckt, man würde im Stadion wohl sensationelle Darbietungen versäumen, die es sonst nur noch bei "Menschen, Tiere, Sensationen" zu bestaunen gibt. (Vermutlich sind dies genau die Menschen, die die Bundesliga für die stärkste Liga in Europa halten.) Die Mutation der Westfalen in schwarz-gelb vom Abstiegskandidaten zum Europapokalfinalisten wäre ohne die andauernde Präsenz im Free-TV und die damit verbundenen Mehreinnahmen wohl schwer möglich gewesen. Hätten diese Jahre quasi unter Ausschluß der Öffentlichkeit bei nur knapp einer Million Abonnenten in Premiere stattgefunden, wofür würden sich die Kinder von damals wohl heute interessieren? Und ist nicht der große Leo Kirch schon einmal mit diesem Plan grandios gescheitert und hat bei dem erfolglosen Versuch gar seinen gesamten Konzern verspielt?
Die Zahlen bei Premiere sind ohne Frage mit ca. 3,3 Millionen Kunden heute wesentlich besser, doch nicht jeder Kunde hat Premiere wegen des Fußballs gekauft. Die, die es wegen der Bundesliga tun wollten, werden ab August mit einem Aufschlag von € 14,90 freundlich im Kreis der Premiere-Jünger begrüßt.
Sollten die Zahlen, die kursieren, stimmen, dann verfolgen durchschnittlich 900.000 Zuschauer die Bundesliga-Konferenz auf Premiere. Mit dieser Zuschauerzahl werden sich wohl die diversen Sponsoren der Clubs nicht wirklich lange zufrieden geben, wenn die nächste Verhandlungsrunde ansteht. Wie hier zukünftig zwischen 20 und 3,5 Mio. Euro alleine vom Trikot-Sponsor erzielt werden sollen, bleibt derzeit ein gut gehütetes Geheimnis der Clubs und der DFL. Denn, dies ist die andere Seite der Medaille, in ganz Europa kassieren die Vereine nicht so viele Gelder durch Sponsoren wie in der Bundesliga.
Dass Rummefliege bei einem neuen Fernsehvertrag selbstverständlich mehr Geld als bisher für seinen Verein auf Kosten der restlichen Clubs haben möchte, versteht sich wohl von selbst. Dass er damit nur das für sich einfordert, was die sogenannten großen europäischen Vereine aus seiner Sicht vollkommen ungerechtfertigt angeblich im Verhältnis zu den kleinen Bayern praktizieren, stößt ihm hingegen nicht auf. Wo die Bayern jetzt genau so viel schmalbrüstiger dastehen, erscheint dem neutralen Beobachter nun nicht auf den ersten Blick.
Denn da sind der Titan, zwei französische Welt-, bzw. Europameister, zwei Weltmeister aus Brasilien, ein englischer Nationalspieler, zwei aus Peru, ein Topkanonier aus Holland, selbstverständlich auch für sein Land unterwegs, dazu das gesamte Mittelfeld der deutschen Nationalmannschaft, einer der besten und dadurch teuersten Abwehrspieler aus der Liga frisch aus Bremen verpflichtet und schließlich auch noch ein Balltreter aus Argentinien unter Vertrag.
Vergleicht man dies mit der Mannschaft Chelseas, dann hat das Ausscheiden der Bayern eher nicht daran gelegen, dass man auf der Gegenseite auf unbezwingbare Superstars getroffen wäre. Denn so viel Geld Chelskov auch ausgegeben hat, sie haben nicht wie Real Madrid versucht eine galaktische Mannschaft zusammen zu schustern. Hier wollte man unter Einsatz von einer ganzen Menge Geld und Hirn eine Mannschaft bauen.
Nur wenn die Bayern verlieren, dann passt es ihnen oft besser, wenn man dunkle Mächte dafür verantwortlich machen kann, um von den eigenen Fehleinschätzungen abzulenken.
Ob Herr Kogler am Ende gut beraten sein wird, ob die Vereine gut beraten sein werden verstärkt auf die Karte Pay-TV zu setzen? Der normale Fan wird sich am Ende wieder einmal verraten fühlen, weil er erneut feststellen muss, dass ihm sein Club und der Fußball an sich offensichtlich mehr am Herzen liegt als jedem anderen Beteiligten.
<ü>Die hohe Schule der Komödie kann man immer wieder auch beim DFB erleben. Was hat man dem geneigten Zuschauer in den letzten Jahren nicht alles geboten. Trainerfindungskommisionen, Doppelspitzen, Achtstundentrainer, Teamchefs, Verbot von Trikotwerbung für Kondome. Doch diesmal hat man in Frankfurt ganz tief in die Trickkiste gegriffen.
Monatelang war man fast schon verzweifelt auf der Suche nach dem letzten nationalen Sponsor für die WM 2006. Am Ende hatte sich dann Oddset erbarmt, was zudem auch noch ein wenig jämmerlich daherkommt, wenn man bedenkt, dass es sich eigentlich um Subventionen handelt, denn ist doch Oddset als Ableger der staatlichen Klassenlotterie eine Anstalt des öffentlichen Rechts. Dafür gab es dann auch ein freundliches Entgegenkommen bei der Preisgestaltung, was wiederum die anderen nationalen Sponsoren irritierte.
Möglicherweise animierte den DFB dies zu einer besonders perfiden Idee. Nach der WM wolle man ein eigenes Wettgeschäft für die Bundesliga aufziehen, denn schließlich sei damit eine Menge Geld zu machen, und so in Konkurrenz zum eben noch geliebten Sponsor gehen. Zur Freude der übrigen Sponsoren, denn Bier und Strom will der DFB in absehbarer Zeit nicht auch noch selbst unters Volk bringen.
Wohin das Wettgeschäft im Fußball führt, wurde dem staunenden Volk multimedial erst ab Februar 2005 vorgeführt. Schiedsrichter, Spieler und Wettkönige aus der Gastronomie waren offensichtlich so erfolgreich, dass man beim DFB nicht so recht einsehen mochte, warum man dieses vorzügliche Geschäft denn nicht selbst übernehmen soll. Dass es dem Kunden möglicherweise eigenartig vorkommen könnte, dass der Veranstalter der Spiele gleichzeitig eine Wette auf seine Veranstaltung anbietet und somit sehr schnell der faulige Geruch der Manipulation bei denkwürdigen Ergebnissen durch die Stadien wehen könnte, dies scheint die Strategen nicht zu beeindrucken. Man verspricht, dass alle Maßnahmen ergriffen werden, um jeden denkbaren Betrug von vornherein zu vermeiden. Bleibt nur zu hoffen, dass am Ende nicht jemand einen undenkbaren Betrug unternimmt.
Denn wie heißt es so schön in einem Kinderlied: "Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? Niemand! Und wenn er kommt?"
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