17.09.2000 Aller Anfang ist scheiße
Überrascht mich der Auftakt? Nicht wirklich. Das läuft nicht richtig. Hab ich schon Wochen vorher beim Pinkeln gemerkt (oder doch nur Prostata?). Ein schwer zu bekämpfender Aberglaube ließ mich nach dem Abgang Sforzas sofort die Parallelen zur Abstiegssaison ziehen: Uefa-Cup - Verkauf Sforza - Abstieg. Das EM-Fiasko tat ein Übriges meine Laune zu ruinieren und meiner Umgebung als nörgelnde Kassandra auf die Nerven zu gehn. Das kleine bißchen Restzuversicht reichte gerade mal aus, Murat Yakin für meine Kickerelf einzukaufen. Super. Wie's ausschaut hab ich auch hier die Arschlochkarte gezogen.
Das erste Heimspiel gegen Bochum fiel auch prompt in die Kategorie ich-habs-ja-gleich-gesagt. Obwohl. SO schlimm hatte selbst ich es mir nicht vorgestellt. Ich saß auf der Tribüne und blätterte mental die Spielzeiten zurück, auf der Suche nach einer ähnlich grausamen Leistung. Resultat: 24.02.1990, 0:4 Pleite gegen Waldhof unter Roggensack. Das war noch schlimmer. Bei Heimfahrt im Zug kam es dann noch zu ... ähhmm ... also ... wie soll ich sagen ... kam es zu einem "Gerangel". Mangels Bochumern mit anderen FCKlern. 1. Spieltag und schon liegen die Nerven blank. Die Saison wird noch echt lustig werden, dachte ich mir. Apropos lustig: Die Mannschaft ließ es sich beim nächsten Auswärtsspiel in Wolfsburg denn auch nicht nehmen, den letztjährigen running gag mit dem negativen Torverhältnis wieder aufzunehmen. Fein Jungs, letztes Jahr konnt ich ja noch drüber schmunzeln, aber mittlerweile ist's nicht mehr witzig. Das hätt's wirklich nicht gebraucht.
Es kostete mich einige Überwindung, für das Stuttgartspiel das Haus zu verlassen. Aus der saisonanfänglichen Wurschtigkeit war ein ziemlicher Widerwille geworden. Vielleicht liegt's am Alter, auf jeden Fall kommt irgendwann der Zeitpunkt, an dem man gesichtslosen Angsthasenfußball nicht mehr ertragen kann. Also wappnete ich mit etwas Zynismus und 'nem ziemlichen Überbau Hornby'scher übler-Laune-Theoreme, um meinen
Missmut anständig zu kultivieren.
Aber was passiert? 3. Minute, der blöde Basler macht ein Tor und ich bin wieder ganz kleinkindhafte Begeisterung und Zufriedenheit. Man kann über Fußball alles mögliche behaupten, zu einem taugt er mit Sicherheit nicht: Der Entwicklung von Rückgrat und Charakter.
Danach : Unterhaching.
Moment, muss nur kurz etwas den Ärger unterdrücken.
#schluck#
#schluck#
So.
Ein Miniaturplatz (ist diese Puppenstube wirklich noch innerhalb der Mindestmaße eines Rasenplatzes?), alkoholfreies Bier (nochmal zum Mitbuchstabieren: AL-KO-HOL-FREI! Skandal!!) und die optische Zumutung 90 Minuten lang auf Lejeunes oberpeinliche Sprüche an der Gegenkurve glotzen zu müssen, lassen nur eine Forderung zu: Steigt endlich ab, Hachinger! Ab in die Regionalliga, aber mit Sondergenehmigung für die Nordstaffel. Düsseldorfer Zuschauer sind die einzigen, denen man ein solches Rumgebolze noch zumuten kann. Ich hab genug von dieser wir-sind-ein-supersüßer-Knuddelklub-Masche, wenn auf dem Spielfeld Antifußball als System gespielt wird.
Und komm mir jetzt kein Schlauberger mit dem Einwand, ein Abstieg des FCK würde meinem Wunsch die Hachinger nicht mehr zu sehen doch auch entsprechen. Bei den Lauterern kann ich mich zumindest damit trösten, dass das Gegurke nicht auf Vorsatz und System beruht, sondern auf dessen völligem Fehlen. Halt, ich muss mich berichtigen: Nicht völlig systemlos. Immerhin erheitert mich Herr Rehhagel bei jedem Spiel mit dem
raffinierten taktischen Kniff, den kleinsten Mann in die Sturmspitze zu stellen und dann hoch anspielen zu lassen. Da kann Djorkaeff noch seinen Enkeln von erzählen. 'Damals, als ich in Lautern spielte, da lernte ich Fußball aus der Froschperspektive kennen. Ich unten im Gras und der Ball so unheimlich hoch da droben.'
Ich kann nur hoffen, dass der kleine Franzose nicht den gleichen Unwillen und Missmut verspürt wie ich, sonst ist er noch vor Weihnachten bei einem anderen Verein. Letzteres ist dummerweise keine Option für mich. Ein gewisses Mass an Selbstachtung sollte man sich bewahren.
Da ich das schreibe, sind es noch 5 Stunden bis zum Heimspiel gegen Köln, das ich nicht besuchen werde. Wäre ich ehrlich, dann müsste ich zugeben, dass ich die von Rehhagelscher Selbstgefälligkeit übertünchte gesichtslose Mittelmäßigkeit auf dem Spielfeld nicht mehr länger ertrage, umso mehr als mir das Spiel HSV - Juve Zornestränen in die Augen trieb, als ich sehen musste, wie Fußball auch aussehen kann. Aber bevor mir jetzt jemand mit Hornby'schen Grundsatzweisheiten kommt, red' ich mich mal auf eine krankheitsbedingte Verhinderung raus. Das Attest als Beleg hab ich beigelegt.
Noch 36 Punkte bis zum Klassenerhalt,
Axel
Anlage
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Hiermit bestätige ich, dass der Bub krank ist. Husten Schnupfen Heiserkeit lassen einen Stadionbesuch zum Spiel gegen den 1.FC Köln nicht zu. Außerdem leidet er an einer akuten Fehlpass-Allergie, die zu ganz übler Pustelbildung am Hintern führt.
Zuschauunfähig bis 30.09.00.
gez. Dr. med. Remark, Spezialist für Härtefälle aller Art |
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Autor: Axel Kramer | Anmerkungen? Kritik? Ab ins Forum |
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