03.02.2001 Drei Frauen rechnen ab: Eine gnadenlos geratene Globalkritik am gemeinen deutschen Fußballspieler

Wer heiratet den Millionär? Niemand. Keine Frau der Welt, wenn sie Sinn für Ästhetik hat. Wir wollen Grips statt Gold, Sex statt Sushi. Was uns wirklich schwach macht? Einer wie Figo oder Vieira, die machen uns schwach. Gekauft wie besehen - ohne einen Blick auf die Steuererklärung. Und Jan-Aage Fjörtoft nähmen wir mit Kusshand, auch wenn er Sozialhilfeempfänger wäre. Mit dem prima Norweger würden wir in einen Wigwam ziehen, ohne Wasser, ohne Strom - und Spaß haben. Wir würden sogar 90 Minuten still sitzen und dahinschmelzen, wenn er Fußball spielt. Aber wenn es denn schon an physischer und psychischer Ästhetik mangeln muss: Dann gebt uns wenigstens einen richtigen Drecksack, einen prallen Proll wie einst Englands Gascoigne.

Stattdessen das deutsche Drama: Lauter Langweiler auf dem Rasen. Eine Bundesliga aus verhinderten Banklehrlingen. Krachlederner Fußball, dicke Beine, dicke Eier. Wir haben uns sechs Stellvertreter des Grauens herausgesucht, die Auswahl ist beliebig, wahllos - gnadenlos weiblich eben. Auch wenn der Ruf hier ungehört verhallen mag: Wir wollen die echten Typen zurück. Schönheit erwarten wir längst nicht mehr. Wir wollen Männer, die so aussehen, wie sie Fußball spielen. Paule Wolle-Breitner, Günther Fettsträhne-Netzer. Die Oberlippenbärte, Vokuhilas, Miniplis der Siebziger. Wo sind sie geblieben?

Olaf Marschall ist der letzte seiner Art. Die "Tante Olga" von Kaiserslautern schert sich nicht um flüchtige Modeerscheinungen. Olaf, bleib stark! Der deutsche Fußball braucht Männer wie dich. Männer, die tapfer ihr Nasenpflaster auf der Nase und ihr Schamhaar auf dem Kopf tragen. Männer, die sich ihrer Rasur-Schmisse nicht schämen. "Olaf hat ein sehr gutes Auge", sagt Andi Brehme. Da täuscht der Trainer. Olaf hat vielmehr zwei bestechend schöne Augen. In seinem Blick liegen Treuherzigkeit, Romantik, Tatkraft und der Wille zur Poesie. Seine vollen Lippen verlangen nach einem Kuss.

Und Olaf: Du bist wie geschaffen für knappe Höschen. Für die kalten Tage empfehlen wir Jeans, Mokassins und ein halb geöffnetes Hemd, alternativ Breitcord-Hose. Eine Bitte nur, lieber Zonen-Ole: Zwänge dich nicht in einen Anzug, wie all die angepassten Kollegen es tun. Ein gemeiner Zweiteiler würde deine Aura zerstören.

Eine überdimensionale Rote Karte für Carsten Jancker. Der ist eindeutig zu viel von allem. Zu viel Haut, zu viel Maul, zu viel Pose, zu viel Hooligan, zu viel Bayern sowieso. Selbst körpermittig - wie kürzlich eine Enthüllung bewies - neigt Herr Jancker zu unnötigen Übertreibungen. In Frauenkreisen nennt man ihn auch "den bösen Onkel auf drei Beinen". Als Sepp Maier mal besonders witzig war, sagte er, er trage knielange Hosen, damit unten nichts rausbaumelt. Verehrter Herr Jancker: Wir bleiben mal beim "Sie" und empfehlen mindestens wadenlange Fußballhosen, am besten gleich knöchellanges Haar. Vielleicht dürfen Sie dann mal wieder in der Nationalelf mitmischen. Muss aber nicht sein. So lange Sie Ihren Ring küssen, wollen wir Sie da gar nicht sehen. Ihr Lieblingslied ist bestimmt von den Ärzten "Manchmal haben Frauen ein kleines bisschen Haue gern." Haben Sie das auch richtig verstanden? Noch mal nachdenken, Herr Jancker! Und bitte nie mehr zum Frisör gehen!

Ja, er wollte eigentlich Vertreter werden, ääh. Oder Bankangestellter, ääh. Und er besitzt sie bestimmt, die goldene (natürlich unechte) Krawattennadel. Die ziert dann seine Mickey Mouse-Krawatte. Und in zehn Jahren trägt er garantiert Tennissocken in Riemchensandalen, äääh. Aber nur, wenn er damit nicht unangenehm auffällt. Einer wie Jörg Heinrich macht nichts, was man nicht machen darf. Oder was der Karriere schadet. Er hat das Charisma der deutschen Eiche, oder besser des deutschen Eichleins, des deutschen Brötchens, des deutschen Bierchens. Der Ääh-ääh-Heinrich passt sich an. Westernhagen-Fan ist er, weil Westernhagen BVB-Fan ist, ääh, "das passt doch zusammen". Der Heinrich, ääh, ist sowas von nett. Der geborene Schwiegersohn. Auf den sind doch alle Frauen (ääh, Mütter?) scharf. Und er ist so knackisch wie sein Goldkettchen. Aber die Tennissocken musst du vorher schon ausziehen, Jörgi.

"Tommy" und "Reichi" rufen sie ihn, den Bad Kreuznacher Bub, die kreischenden, quietschenden Mädels. Ganze Kindergartengruppen schwärmen für ihn. Nein, gemeint ist nicht das Milchgesicht auf der Zwieback-Packung. Nein, er trinkt nicht jeden Morgen Rotbäckchen. Thomas Reichenberger besucht nicht mehr die Grundschule, der ist schon 26 und spielt für unsere Eintracht. Witzig ist er auch noch. Und das geht so: "Der Krombacher-Kasten ist meine persönliche Traum-Elf." Kicher, kicher. Und staun: Der Tommy darf wirklich schon Bier trinken (wenn er am Tresen seinen Ausweis vorzeigt). Kochen kann er auch - Wasser. Jetzt aber keine rhetorische Kinderschändung. Weil Reichi so jung und lieb ist, geben wir ihm noch eine Chance. Der soll schließlich noch ganz viele Tore für Frankfurt schießen. Mann Reichi, mach' es. Mach' es für uns, Junge. Bei den Waden ist doch noch ganz viel drin. Dann schenken wir dir auch deinen ersten Rasierapparat und die Anzahlung für den Führerschein.

Ja, wo isser denn? Ja, da isser ja in der nächsten Spalte! Isser nich schnuckelig? Der Mehmet Scholl! Ja, du bist ja ganz ein Feiner, bist du ja! Wer hat dich denn so schick gemacht? Hat dir die liebe Tante aus dem ollen Küchentuch noch ein Hemdchen genäht? Und der Konfirmandenanzug passt ja immer noch! Na, kein Wunder, du bist ja auch ein ganz ein flotter Hüpfer, da bleibt alles schön stramm und knackig, gell? Und die kurzen Löckchen, nein, wie goldig, so unschuldig wie ein Engelchen! Dass du auch mal ein böses Teufelchen warst ("Hängt die Grünen, solange es noch Bäume gibt"), ach, das haben wir doch schon längst vergessen! Wer ein Großer werden will, der muss auch mal raufen und saufen, bei Bayern München sowieso, das verstehn wir doch. Ach, wir wären ja so gerne dabei, wenn du "im Trainingslager mit dem Po zur Wand" schläfst - mein lieber Scholli - und dich mit einem Gute-Nacht-Liedchen in den Schlaf lullen. Nein, nein, nicht einpacken! Den Mehmet, seufz, den essen wir gleich hier!

Boah, is dat langweilich: Hans-Jörg Butt. Buttje, Buttje in dem Tor, machst uns hier den Schlau-Meier vor. Die Denkerpose glaubt dir doch kein Mensch, jedenfalls keine Frau! Pomade in die Strähnen, den Kragen gestärkt, die Brauen gezupft, das macht noch lang nicht interessant. Das ist ungefähr so spannend wie eine verstaubte Sammlung heroisch dreinblickender Statuen aus dem alten Rom - und die sind wenigstens manchmal naggisch. Buttje, das mit dem Image, das wird nix. Wie gut, dass du keine Angst vor Bällen hast, sonst wäre aus dir vielleicht ein Treppenlift-Händler geworden, der eines Tages an unseren Türen klingelt. Dass du den Freuden des Lebens entsagst, glaubt man dir unbesehen: "Alkohol eher nicht, ich trinke höchstens mal ein Bier." Kluges Kerlchen! Schieß Elfmeter, halt Elfmeter, das ist o.k. Und dann nix wie ab nach Leverkusen. Der unvergleichliche Sepp Maier sprach einmal: "Der Hans-Jörg ist ein großer Typ, der trotzdem ballsicher ist." Und viel mehr gibt's wohl auch nicht zu sagen.

(aus der Frankfurter Rundschau vom 26.01.01)

nächster Beitrach in der Rubrik Fußball allgemein:
13.12.2000 Die Ängste der Stars von Markus Friebis
Autorinnen:
Ute Diefenbach, Petra Mies und Tanja Kokoska
Anmerkungen? Kritik?
Ab ins Forum