08.09.1999 "Wer Ohren hat, der höre" (Matthäus (nicht Maddäus!) 11,15)
In Edgar Allan Poes "Rise and fall of the House of Usher" (Sept. 1839) wird ein Krankheitsbild beschrieben: Der arme Roderich Usher leidet unter einer schier unerträglichen Verfeinerung seines gesamten Rezeptionsvermögens. Wir haben es hier mit einem Neurastheniker zu tun, für den bereits ein ganz unambitioniertes Existieren zu einer schmerzhaften Reizüberflutung ausartet: "(...) er vertrug nur absolut ungewürzte Kost; er vermochte nur Kleider aus ganz bestimmten Geweben zu tragen; jeglicher Blumenduft war ihm verhaßt; selbst der geringste Lichtschein schmerzte sein Auge, und nur ganz wenige Töne einzelner Saiteninstrumente waren seinem Ohr erträglich." (Übers. v. M. Bretschneider. München 1922.) Uns soll im Folgenden das verkehrte, quasi transzendental gewendete Extrem interessieren: Die notwendige, seit in etwa zwei Jahren jedoch schon nicht mehr hinreichende Bedingung der Möglichkeit einer Existenz als Dauerkarten-Schalker besteht darin, die Heimspiele der Königsblauen nur noch in einer Art domestizierter Abstumpfung über sich ergehen zu lassen. Mit einem Wort: Eine schwielige Hornhaut überzieht die Schalker Seele im Parkstadion. Doch dieses Symptom stellt lediglich den letzten, dafür dann aber auch tiefsten Auswuchs eines Entwicklungsfortgangs (oder muß gesagt werden: einer Ätiologie?) dar, der nach dem 21. Mai 1997 eigentlich gar nicht zu erwarten gewesen war. Wie kam es dazu, daß die Schalke-Fans sich derart panzern mußten? Warum war diese Form von Selbstschutz eines Tages erforderlich?
Die Frage nach dem 'Warum' will auf den Grund gehen, sucht nach der prima causa eines Folgegeschehens. Und wir glauben um diese Erste Ursache zu wissen: Der Name des Vaters dieser mittlerweile ganz und gar nicht mehr schöpferisch zu nennenden Ausgeburt ist Huub, und Rudi, seine Hebamme, reagiert auf den Namen Assi.
Rudi Assauer - eine Figur, welche vielleicht am treffendsten mit dem Kalenderspruch "Viel Feind, viel Ehr'" charakterisiert zu werden vermag. Als dieser Mann Anfang der 90er Jahre nach einem längeren Tauchgang in den klaren Bremer Gestaden just in Eichbergs Gelsenkirchener Sümpfen wieder auftauchte, staken einer übergroßen Mehrheit am Schalker Markt lange Zeit die Wäscheklammern auf den Nasen, den säuerlichen Mief ob der reflexartig in die Außenwelt gedrückten Magenfüllungen ertragen zu können. Als die Luft dann wieder rein war, stand der Assi - wie einst die Schalker Knappen der Consolidation - vor einem Berg von Arbeit: gezielte Spieler-Spenden zur schnellstmöglichen Behebung der sportlichen Misere, nach dem Ende der Ära Eichberg 20 Millionen Schuldenabbau, Restitution des Schalker Rufes beim DFB, Berger anheuern, Eichberg-Pläne des Stadionneubaus in eine realistische Form bringen etc.pp. Das Schalke-Schicksal Bergers, welcher von Vereinsseite noch nicht einmal dazu eingeladen worden war, der fremdbestimmten Vollendung seiner eigenen Arbeit in San Siro beizuwohnen, ist ja gemeinhin bekannt. Doch liebe Freunde der Königsblauen: Könnt Ihr nicht auch bestätigen, daß man seit Schalkes Berger-Zeit - und vor allem all den schier unglaublichen Gerüchten, welche sich in der Folgezeit um seinen Rausschmiß rankten - sehr viel hellhöriger geworden ist? Seit dieser Zeit übt man sich doch in einer speziellen Kunst der Hermeneutik: und zwar der Sinnerhellung des von Schalker Spielern vor Mikrophonen und Kameras Geäußerten. Beziehen wir uns nur einmal auf jüngst Vorgebrachtes - "wer Ohren hat, der höre":
- Youri: "Ja, das kommt bei uns leider öfter vor, daß wir ganz gut beginnen und das dann nicht halten können. Das ist eigentlich schade." Wir transskribieren: DIE MANNSCHAFT IST SOWOHL TAKTISCH ALS AUCH SPIELERISCH NICHT IN DER LAGE, DEN GEGNER IN EINER WEISE ZU DOMINIEREN, DASS GEPUNKTET WERDEN KANN. DEMNACH IST DAS TRAINING SCHEISSE.
- Thöni: "Die HSV-Spieler hatten die 120 min. vom Montepellier-Spiel in den Knochen, und wir konnten in der zweiten Halbzeit nicht mehr zulegen." Wir übersetzen: DIE VORBEREITUNG WAR SCHON WIEDER SCHEISSE, DIE MANNSCHAFT IST NICHT FIT.
- Im letzten "Auf Schalke" auf DSF: Prof. Thöni will in seiner Ansprache den andächtig Lauschenden Youris saumäßigen Elfer gegen den HSV als irgendwie gar nicht so verunglückt andrehen, da der Schütze ja trotz seines langen Anlaufs "den Ball noch richtig getroffen" habe. Wir fragen: Ist diese Äußerung eher abstrus oder doch lieber grotesk zu nennen? Und wir fragen weiter: Für wie dämlich hält man die Fans auf Schalke eigentlich mittlerweile? Wir behaupten: Noch keinem Bundesligaspieler, der nicht auch verschießen will, ist jemals solch ein Elfmeterschuß passiert. Und man vergleiche noch einmal genau mit heimischer Videoaufzeichnung: Nach der Ausführung hat der Youri es auch nicht mehr gewagt, den Kopf nach oben zu heben oder auch nur zur Seite - zur Trainerbank! - zu wenden ... Auf jeden Fall meinte der Nordkurvenaltschalker vor mir verdächtig gelassen: "Das habe ich mir jetzt ganz ruhig reingezogen, wie der den Elfer vergeigt. Aber anders kriegen die dieses Arschloch da unten auch nicht weg ..."
- Auf Potofskis Frage, was der Herr Thöni denn davon halte, daß sein Trainer in den Wettbüros als 'Favorit' für die vorzeitige Beurlaubung gelte, entgegnete unser Rhetor: "Ach, da würde ich gar nichts setzen, die Quote ist ja viel zu niedrig ..." Wir legen aus: EINER VORAUFKLÄRERISCHEN FREIZEIT-T-SHIRT-UNIFORMIERUNG SCHON LANGE ÜBERDRÜSSIG (Huub: "Wir machen alles zusammen.") IST DER WACHSAME BÖRSENSPEKULANT THON VON GROSSEM VERLANGEN NACH EINEM WETTEINSATZ GEPEINIGT, DOCH SCHEINT IHM DIE GARANTIERTE PEKUNIÄRE VERDIENSTSPANNE BEI WEITEM ZU UNBEDEUTEND IM VERGLEICH ZUM BETRÄCHTLICHEN GEWINNWERT DES TRAINERVERLUSTES. Doch wer gehörte schon zu den Eingeweihten und bekam damals zu Ohren, was der Assi der Lizenzsspielerabteilung des F.C. Schalke 04 nach der bestimmt nicht preisgünstigen Berger-'Rasur' auf die Augen gedrückt hatte ...
Und verweilen wir doch ruhig ein wenig beim aktuellen Trainer: Unter Huub Stevens hat die Fußballmannschaft des F.C. Schalke 04 ihren Fans vor noch nicht allzu langer Zeit einen zwar ganz und gar pragmatischen, dafür jedoch "perfekten Ergebnisfußball" (W. Wittke, Westfälische Rundschau) geboten. Resultat dieses Ergebnisfußballs: Die Schalker haben die uncoolste Kugel der gesamten deutschen Fußballbundesliga geschoben. Nichtsdestotrotz ist der für alle Zeiten wahre Grundsatz 'Nicht der Bessere, sondern Schalke soll gewinnen' nicht außer Kraft zu setzen; andererseits scheint es jedoch mehr denn je an der Zeit, sich diese Gewohnheit, sich daran gewöhnt zu haben, den vermeintlich besser raumaufgeteilten S04 in steter Regelmäßigkeit - für gewöhnlich in Heimspielen - dennoch verlieren zu sehen, wieder abzugewöhnen.
Vielleicht scheint es gar nicht sooo verwerflich, in Gelsenkirchen-Buer auch einmal von Weisheiten aus dem Lager des BVB zehren zu wollen, z.B. von der tiefen, allseits bekannten Einsicht eines Adi Preißler: "Entscheidend is' auffem Platz." Und wer steht "auffem Platz"? Richtig, die Spieler - und zwar genau jene Spieler, für deren kostspielige Verpflichtung gerade unser Manager-Trainer-Duo verantwortlich zeichnet. Durchlaufen wir doch einmal - beinahe gänzlich unbefangen - einige (Ex-)Spieler des F.C. Schalke 04 in zwangloser Reihenfolge:
Zahmschwein Willi:
Besucht man mit befreundeten Unschalkern einmal ein Heimspiel der Königsblauen, erntet man zwar nach wie vor ein respektvolles "Boooah, is dat'n Monster: Der macht ja 'ne richtige Spur hinter sich"; dennoch bleibt es wohl auch in Zukunft fraglich, ob gegnerische Spieler willig Willis Spuren folgen und ihn ehrfurchtsvoll zum Nahkampf bitten werden. Zudem bleibt das ungelöste Rätsel, wie ein Spieler vom Format Willis tatsächlich besser in Form komme, wenn er sich demnächst einer 'Mast' unterziehen wird, was unser Zahmschwein ja angekündigt hatte ...
'Schieß-doch!'-Jiri:
Eingedenk des immer klarer und deutlicher zu Tage tretenden Faktums, daß unser Meister sich seit einigen Fußballbundesligabegegnungen endlich die Technik des Torschußvollspannstoßes anzueignen anschickt, sollte diesem Mann ob seines bereits reichlich fortgeschrittenen Fußballeralters allerorts wahrlich Hochachtung gezollt werden. Diese erstaunliche technische Entwicklung darf guten Gewissens als echter Fortschritt auf dem Felde, will sagen dem Gebiet des Fußballspiels begriffen werden. Da unser Jiri jedoch bis letztens noch eher für den beschaulichen Samstagnachmittag zu haben gewesen schien, denken wir daran, demnächst eine Petitionsliste ins Leben zu rufen: Es soll nämlich dafür plädiert werden, daß Assis offenbar extrem leistungsfördernder Handel, einen Spieler als Dank für eine engagierte und erfolgreiche Spielzeit aus seinem noch gültigen Kontrakt zu entlassen - wie bei Jiri geschehen -, Schule macht - und vielleicht kommt uns da ja noch der eine oder andere geeignete Kandidat in den Sinn ...
Pannen-Olli:
1933 schreibt Karl Kraus über das personifizierte Grauen in "Die dritte Walpurgisnacht": "Mir fällt zu Hitler nichts ein." Im Computerzeitalter läßt sich mit Hilfe des simpelsten Textverarbeitungsprogramms jedwedes Zeichen - auch jedwede Wortart, d.h. auch Personennamen - über 'copy - paste' mühelos einpassen ... Nicht, daß wir damals nicht zehn Schalke-unser gen Himmel gestoßen hätten, als dieser Schlußmann, welcher sich nun von den Preußen im Stadion der Westfalen, die ja in Wahrheit allesamt Sauerländer sind, beschimpfen läßt, endlich das Weite der südtiroler Tiefebene gesucht hatte; aber trotz aller widrigen Umstände, die Schalke danach erst drei, mittlerweile vier Torhüter bescherten: Welche Besinnungslosigkeit muß einen Fußballehrer, der trotz mindestens zweier guter Keeper im Team einen Pannen-Olli Tore zu verhindern das Recht ausspricht, übermannt haben?
Nico van Kerckhoven:
Tagaus, tagein quält einen die Problemfrage, im welchem Stadium der Bewußtlosigkeit die sog. Verantwortlichen die Lachtaube Nico van Kerckhoven angelockt haben. Dieser leptosome - oder muß gar gesagt werden: asthenische ? -, schon länger nicht mehr junge Mann, dessen angebliche sportliche Überzeugungskraft uns weitestgehend Vorurteilsfreien eher mit der Bewahrheitungsdynamik paulinischer Kairologie zu konkurrieren scheint, ist einst angetreten, eine moderne, d.h. zeitgemäße Interpretation des links postierten Mittelfeldspielers vorzuführen. Ich aber sage euch: Solange dieser Mensch auflaufen wird, werdet ihr niemals mehr eine Flanke von links in des Gegners Strafraum segeln sehen. Und irgendwie ist Schalke auf dieser Position immer noch 'old school': Buyo, dem man beinahe in jedem Jahr einen neuen Konkurrenten vorgesetzt hat, darf sich erneut - wie in beinahe jedem Jahr! - als Gewinner sehen.
Hami:
Dessen wahres Vermögen zu erkennen, hätten der Assi und der Huub lediglich auch einmal gemeinsam einen lustigen Abend um die Ecke im Ruhrstadion verbringen sollen, als der VfL - damals noch deutscher Vertreter im Uefapokal - gegen Trabzonspor spielte: Denn wir damals eher auf Abdullah Neugierige (der 'blonde Blitz von Trabzonspor' war in dieser Zeit bei Schalke im Gespräch) waren auf vielfache Weise gerade von Hami, den wir ja aus dem verrückten 3:3 unserer Schalker in Trabzon noch in bester-schlechter Erinnerung hatten, geschockt: Zum einen sah man selten einen derart untrainierten Mittelkreisläufer, zum anderen fragte man sich, warum in Herrgottsnamen dieser Mensch jeder, wirklich jeder Anrufung seiner Landsleute, eben aus dem Mittelkreis feste und möglichst geradeaus aufs Tor zu dröhnen, nachgeben mußte: Wird denn so Fußball gespielt? Der traurige Rest der Schalker Hami-Geschichte soll hier denn auch nicht noch einmal zum Schlechten gegeben werden.
Onkel Johan:
In seiner Gegenwart scheint der Assi ein wenig zur Vernunft zu kommen: Einen Einjahresvertrag bot der Manager diesem Weinliebhaber noch an, richtig so - denn seit längerem schon wirkt de Kock live irgendwie ziemlich abgestanden, dünkt uns. Und außerdem: Wessen Gemahlin Modeschauen initiiert, zu denen auch eine gewisse Bärbel Skibbe eingeladen wird, dem sollte in Zukunft kaum das Vertrauen ausgesprochen werden dürfen, oder?
In jedem Fall könnte man in der Spielzeit 99/00 wieder einmal schmerzlich an eine gerade auf Schalke gerne vernachlässigte Etymologie von 'die Knappen' erinnert werden, wenn sich die ewig Standhaften in der Nordkurve nämlich nach dem 34. Spieltag wieder den Schweiß von der Stirn wischen und im Kollektiv aufatmen: "Alta, wat war dat widda knapp dieses Jahr, 'ne?"
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Autor: Holger Glinka | Anmerkungen? Kritik? Ab ins Forum |
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