11.09.2000 Das Wunder von St. Pauli, Teil III
4:0 gegen die Stuttgarter Kickers. Langsam, aber sicher wird es auch mir unheimlich. Im DSF ist von den besten Spielzügen des FC St. Pauli seit dreißig Jahren die Rede, was zahlenmäßig leicht übertrieben sein mag, aber das blanke Erstaunen am Millerntor durchaus treffend wiedergibt. Es fällt immer noch schwer, das Gesehene zu glauben, obwohl es nun schon der dritte Torrausch innerhalb weniger Wochen ist.
Und dabei hätte mir ja ein Sieg mit einem Tor Unterschied schon gereicht. Hauptsache gewinnen - zumal es nicht gegen irgendjemanden ging, sondern eben gegen jene Stuttgarter Kickers, die uns anno 1991 in der Relegation aus der Ersten Liga beförderten und auch in der letzten Saison bis zur letzten Minute am letzten Spieltag wie der Sieger gegen uns im Kampf um den Klassenerhalt - diesmal eine Etage tiefer und im Fernduell - aussahen, bis dann jenes legendäre Tor durch einen ehemaligen Angestellten der Stuttgarter, Herrn Marcus Marin fiel, welches die Kickers zum sportlichen Absteiger machte, was lediglich aufgrund des wenige Tage später verhängten Lizenzentzuges für TeBe Berlin nicht exekutiv in Form einer entsprechenden Spielklasseneinordnung abgewickelt wurde. Man könnte also, wenn man wollte, die Kickers als eine Art moralischen Absteiger betrachten. Zumal sie dann auch noch die Dreistigkeit besaßen, am ersten Spieltag der neuen, ihnen in Form eines bezüglich seiner Rechtfertigung doch höchst fragwürdigen Geschenkes dargebrachten Zweitliga-Saison mit 1:0 gegen Rot-Weiß Oberhausen zu gewinnen, jenen Klub also, der ihnen beinahe - wenn denn eben jenes besagte Tor nicht gefallen wäre - den sportlichen Klassenerhalt beschert hätte, ja, sogar trotz dieses Tores alle Voraussetzungen dafür geschaffen hatte, da die Stuttgarter ja lediglich gegen den im fortgeschrittenen Stadium der Selbstauflösung befindlichen und an einem Mitabstieg der Kickers sowie dem damit verbundenen Anwachsen der Anzahl von Konkurrenten beim Kampf um den Aufstieg in der anstehenden Saison der Regionalliga Süd allenfalls bedingt interessiert gewesen sein könnenden Karlsruher SC hätten gewinnen müssen, um sich die zweifelhafte Ehre der Rettung aufgrund sportfremder, sich jeglicher eigener Einflußnahme entziehender Vorgänge vom Leibe zu halten und selbige statt dessen Richtung St. Pauli weiterzureichen.
Allerdings mutet dieses 1:0 der Kickers gegen RWO mittlerweile wie ein Strohfeuer, möglicherweise ausgelöst durch augenblickliche "Klassenerhalts"-Euphorie, an. Die Spiele danach präsentieren sie eher (wenn überhaupt) in Regionalliga-Form - im DFB-Pokal setzen bei ihnen schon in der ersten Runde die Wehen ein (und zur Welt kommt nicht etwa ein glorreicher, den Weg durch die Pokalrunden bis hin zur Finalteilnahme wie anno 1987 ebnender Sieg, sondern eher eine Fehlgeburt), und am letzten Mittwoch gegen Christines Kartoffelkäfer setzt es eine 0:3-Schlappe. Ergo kommt es an diesem Sonntag am Millerntor zum Duell zweier Abstiegskandidanten - einem, von dem zumindest vor der Saison alle behauptet haben, er sei einer, und einem, dessen letzte Resultate eine solche Kategorisierung naheliegend erscheinen lassen.
Nach 25 Minuten steht es 2:0 für St. Pauli. Völlig verdient. Man fühlt sich an das Mannheim-Spiel (von dem man dachte, so etwas sei nicht beliebig wiederholbar) erinnert. Mit dem Unterschied, daß diesmal die - vergleichbar zahlreich vorhandenen - Torchancen nicht ganz so konsequent genutzt werden, weshalb es bis zur Pause bei diesem Spielstand bleibt.
Im zweiten Durchgang schleicht sich bei St. Pauli der Schlendrian ein. Ebenso wie gegen Mannheim (aber da stand es ja auch 4:0) wird mit Halbgas weitergespielt. Was meiner einer (auch wenn ihm natürlich klar ist, daß das kraftraubende Pressing aus der ersten Halbzeit nicht 90 Minuten nonstop durchzuhalten ist) mit einem gewissen Unbehagen betrachtet - zwar sind diesen Kickers nicht unbedingt zwei Tore zuzutrauen, aber man hat ja schon Pferde vor der Apotheke kotzen und Spiele kippen sehen, von denen niemand dies erwartet hat. Eine Viertelstunde vor Schluß kommt es zur Fast-Abstrafung für den nachgelassenen Angriffsdruck, als Günther Heberle gegen die Latte köpft. St. Pauli wacht auf, und Zlatan Bajramovic beseitigt mit einem wunderschön herausgespielten Treffer nach 84 Minuten die letzten (zu diesem Zeitpunkt allerdings selbst bei den schlimmsten Skeptikern wie mir kaum noch vorhandenen) Zweifel am Sieg.
Irgendwie scheint dieses Tor den Stuttgarter Schlußmann Sead Ramovic nervlich zu überfordern. Wenige Minuten danach mimt er den sterbenden Schwan, als Thomas Meggle an ihm vorbeiläuft. Mit der Konsequenz, daß Meggle die Gelbe Karte bekommt - vermutlich dafür, daß er durch seine Anwesenheit in der Nähe von Ramovic vielen Zuschauern die Sicht auf dessen wunderschöne Schauspieleinlage behindert. Zumindest wüßte ich nicht, wofür sonst. Das fachkundige Theaterpublikum am Millerntor quittiert diesen Akt mit einem Pfeifkonzert außerordentlicher Phonstärke, welches sein Ende erst in dem Moment findet, als Markus Lotter (der mittlerweile auch den leistungsmäßig stark zulegenden St. Paulianern zugerechnet werden darf - anstelle der Fehlpaßfestivals vergangener Jahre gibt es heute eine bemerkenswerte Leistung auf rechts sowie nach der Auswechslung von Marcel Rath zentral) in der Schlußminute Herrn Ramovic zu einer Aktion veranlaßt, die dem Betrachter zu weitaus größerer Freude gereicht, nämlich zum Griff hinter sich. 4:0, Abpfiff. Ein Tor weniger als gegen Mannheim, aber richtige Trauer darüber will nicht aufkommen.
Die Vision vom gesicherten Mittelfeldplatz - um abschließend das aufzugreifen, um das derzeit die Gedanken der Besonneneren am Millerntor kreisen - ist ein wenig realistischer geworden. Das Wunder von St. Pauli war offenbar keine Zweitagsfliege. Die spielerische Leistung gegen Stuttgart (ich verweise auf meine diesbezügliche Wertung im Bericht vom Mannheim-Spiel, die im wesentlichen auch für den heutigen Auftritt gilt, lediglich mit leichten Abstrichen aufgrund des Schlendrians in der zweiten Halbzeit) läßt darauf hoffen, daß das nach wie vor offizielle Saisonziel - Klassenerhalt - vielleicht doch etwas eher erreicht wird als letzte Saison. Unabhängig von den Vorgängen im DFB-Lizenzausschuß oder den schauspielerischen Ambitionen gegnerischer Torsteher.
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Autor: Michi alias pathos 93 | Anmerkungen? Kritik? Ab ins Forum |
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