23.09.2003 Ein Kölsch auf Ewald Lienen
Ewald Lienen hat’s also in dieser Saison als ersten Trainer erwischt. Sicher eine Überraschung: In der Rubrik "Flieg, Trainer, flieg" auf dieser Seite rangierte er bis letzte Woche weit hinter höher gewetteten Kandidaten wie Stevens, Gerets, Funkel oder Reimann. Aber manchmal geht’s eben ganz schnell. Berufsrisiko.
Über Ewald Lienen ließ sich immer prima spötteln. Seine gelegentlich an Jerry Lewis erinnernde Mimik, seine rumpelstilzchenhaften Hüpfer, wenn der Gegner ein Tor schoss – das ließ sich kein Kameramann, weder ein privater noch ein öffentlich-rechtlicher, entgehen. Lienen war der verkörperte Stress des mitfiebernden, aber machtlosen Mannes an der Linie. Das galt auch für seine merkwürdigen Auftritte nach dem Spiel: Lienen wirkte vor der Kamera immer schwer genervt, er verirrte sich in abenteuerlichen Satzkonstruktionen, stammelte verbissen vor sich hin. Sogar dann, wenn sein Team gewonnen hatte. Ein bisschen mehr Lockerheit hätte ihm sicher nicht geschadet. Aber immerhin: Unter all den eitlen Schauspielern, Labersäcken und Schönschwätzern seiner Zunft war er immer eine erfreuliche Ausnahme.
Die Marotte mit seiner pingeligen Zettelwirtschaft passte nur zu gut ins Bild. Ich hab immer versucht, mir vorzustellen, wie er am Tag nach dem Spiel sein Zettelchen ausbreitete und seine bockigen Spieler ins Gebet nahm. "Und du, du warst in der 34. Minute auf halblinks viel zu weit weg von deinem Mann." – "Öhm, 34. Minute? Trainer, da kann ich mich gar nicht mehr dran erinnern." – "Doch. Wenn der bloß steil auf den Siebener gepasst hätte, und der danach eine Flanke reingebracht hätte, wäre der Neuner völlig frei gewesen." – "Aber der Siebener hat doch gar keine Flanke reingebracht." – "Nein, natürlich nicht, dein Mann hat den Steilpass ja zum Glück nicht gespielt." – "Na also, ist doch alles in Ordnung." – "Neijen, nicht in Ordnung. Herrgott, er hätte ja passen KÖNNEN, und dann ..." – "Och, Trainer, ich wusste doch, dass der gar nicht richtig passen kann." – usw. usf.
Machen wir es kurz: Ewald Lienen ist als Trainer sicher kein Überflieger, aber ein ernst- und gewissenhafter Arbeiter im Weinberg des Fußballs. Und eine hoffnungslos ehrliche Haut. Einen so derben Rauswurf, wie ihn Gladbach jetzt mit ihm durchgezogen hat, hat er nicht verdient. Diese seltsame Ausstiegsklausel in Holger Fachs Vertrag bei Rot-Weiß Essen – so viel Antizipation klingt doch arg nach kühl kalkulierter Abserviererei.
Ewald Lienen hat meinem Verein, dem 1. FC Köln, einen Aufstieg und ein brauchbares Jahr in der 1. Liga beschert. Und er hat sich seinerzeit als Trainer mannhaft gegen den unter den Fans und manchen Offiziellen prompt wieder ausbrechenden Größenwahn ("In zwei, drei Jahren wieder im Uefa-Cup!") gestemmt. Es ist zu einem Gutteil Lienens Verdienst, dass man heute in Köln wenigstens zeitweise zu einer etwas realistischeren Sicht der Dinge gekommen ist – dass der Geißbock in der Liga derzeit nämlich nur kleine Köttel scheißen kann. Dies vor allem vergesse ich Ewald Lienen nicht.
Und darum: Ewald, mach et joot.
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