15.12.2005 HSV - Hertha (on Tour)

Mahlzeit!

Das war er dann also, mein letzter Stadionausflug in diesem Jahr. Wenn ich auf mein Bankkonto gucke, wird´s auch Zeit, wenn ich aber an die zwei Monate ohne Fußball denke... HILFE!

Na ja, dafür war das Spiel auch beknackt genug um an Pannen, Glanzstücken, Dummheiten und Chaotismus (hab ich da gerade eine neue Wissenschaft erfunden?) für zumindest drei Wochen auszureichen. Aber vorm Fußball kam an diesem Samstag die Arbeit, und das heißt: früh aufstehn. Nicht gerade die leichteste Übung, wenn man nur drei Stunden geschlafen hat. Gääääähn! Mit halb zugequollenen Luken schleppte ich mich dann so durch´s Altenheim, wobei diverse Senioren mein Vorhaben "Früh weg hier" mit diversen "Ich kau auf jedem Bissen fünf Minuten rum und ess trotzdem alles auf" und "Versuch doch mich ins Bett zu legen, ich mach mich nämlich so steif wie `ne gute Deutsche Dachlatte"-Aktionen irgendwie terrorisieren wollten. Ätsch, war trotzdem rechtzeitig fertig, um um 13.00 Uhr aus der Bude stürmen zu können.

Auf der Autobahn war bis zur Ausfahrt Volkspark netterweise nix los, dann aber wurde es ein wenig kompliziert. Drei Autos nebeneinender, der linke will nach rechts, der rechte nach links, und der inner Mitte geradeaus. Ääähm ja.

Bei Reifen-Herbert war irgendwie Waschtag für die LKWs, weshalb es dort nix wurde mit ´nem Parkplatz. Also mal wieder parken am A... der Welt. Für ´n Bier bei Knappi musste es trotzdem reichen. Ich hätte ja noch gern ´n paar Worte mit dem Junior-Chef gewechselt, von wegen frohe Weihnachten und so, aber er und seine Mädels hatten wegen eines Andrangs der Marke "Sommerschlussverkauf bei Karstadt" alle sechsunddreißig Hände voll zu tun (und dabei waren sie nur zu fünft), deshalb sah es mit ´nem kleinen Plausch eher schlecht aus. Na denn, Prost, vielleicht klappt´s ja nach dem Abpfiff.

Hab ich schon erwähnt, dass es schweinekalt war? Laut Radio gammelige drei Grad über Null. Da hätte das Bier nicht unbedingt aus´m Kühlschrank sein müssen, obwohl: Wahrscheinlich wurde es da zum Aufwärmen reingestellt. Bevor der Stoff inner Büchse festfriert, erstmal in´n Kühlschrank. Auch ´ne Taktik.

Auf dem Weg zum Stadion standen dann einige Schwarzmarkthändler herum, die sich aber wohl ein wenig verkalkuliert hatten, denn das Spiel war nicht ausverkauft. Vorm Volkspark versuchte sogar einer, eine 23-Euro-Karte für 15 Piepen loszuwerden, und hatte sogar damit Probleme. Und jetzt alle zusammen: "Eins zwei drei: ÄÄÄÄÄTSCH!!"

Ich war ja mal richtig gespannt, ob es irgendwelche Probleme mit meiner Dauerkarte geben würde, nachdem ich biem letzten Spiel ja keine sonderlich glückliche Figur abgab bei meinen Versuchen, ziemlich angeleiert ins Stadion zu kommen. Die Ampel zeigte grün, puuuh. Darauf gab´s erstmal eine schweineteure Feuerzunge vom Brezelheini. Mahlzeit!

Ich wollte gerade zum Block latschen, da sah ich eine Gruppe farbiger Mitmenschen, die mit einer "Guy Demel-Fanclub Elfenbeinküste"-Fahne herumstanden und ´ne gute Party veranstalteten. Respekt, Leute, echt ´ne geile Aktion! Und viel Glück bei der WM, in eurer Gruppe könnt ihr das ganz dringend brauchen...

Im Block war schon gut was los, wohl auch, weil die lieben Ordner die Kontrolle erst ein paar Stufen weiter unten durchführten. Das Ergebnis war einleuchtend: Am Ende wurde es ein Gedränge wie seit Ewigkeiten nicht mehr. Fünf Minuten vor dem Anpfiff kam dann ein Zwei-Meter-Typ mit Bibergebiss und ´ner Menge guter Laune reinspaziert, der sich einfach irgendwo dazwischenquetschte, und dem es auch wurscht war, wen er dabei zur Seite quetschte, er lachte einfach die ganze Zeit weiter. Im Gegensatz zur Lady hinter ihm, die das mangels Sicht aufs Spielfeld alles andere als amüsant fand. Irgendwie gelang es ihren Kumpels dann, den Heini zwei Reihen weiter unten zu parken, womit der Typ aber immer noch auf Augenhöhe mit mir war. Dabei bin ich doch schon über einsachtzig...

Die Mannschaftsaufstellungen: Was hat Doll denn vor?! Mehdi, Barbarez, Mpenza, Lauth, Trochowski, Beinlich.. rennen wir die Berliner heute einfach mal über den Haufen, oder wie? Na ja, mir soll´s recht sein.

"Hamburg, meine Perle" ist wirklich schön, wenn alle mitsingen. Aber man sollte den Stadionkaspern mal sagen, dass man die Fans nicht wirklich hört, wenn man die Lautsprecher auf Volldampf laufen lässt. Schade, dass man immer noch glaubt, Stimmung hätte was mit der Lautstärke aus den Boxen zu tun. Für mich ist Stimmung immer noch sehr verwandt mit Stimmband.

Beim Einlaufen der Teams wurden dann etliche Kilometer schwarz-weiß-blaues Krepppapier (so viele "p"s) durch die Nordtribüne gepfeffert, Schade, dass ich davon später keine Fernsehbilder gesehen habe.

Willkommen im Volksparkstadion, unglaubliche Geschichten spielen sich hier ab. Wie zum Beispiel die ersten drei Minuten dieses von Markus Merk geleiteten Spiels. Gleich nach dem Anstoß brachten die Berliner den Ball nach vorn und schlossen mit einem gar nicht so üblen Fernschuss ab, der knapp neben die Kiste flog. Als die Hamburger den Gegenzug einläuten wollten, verlor Boulahrouz erst den Ball, um diesen anschließend gleich wieder zurückzuerobern, wobei er von Sergej tatkräftige Unterstützung bekam. Die Berliner wussten da irgendwie gar nicht, ob sie nun die Pille hatten oder nicht, und dementsprechend auch nicht, wo sie überhaupt hinlaufen sollten. Diese Verwirrung machte sich Trochowski zu Nutze und spielte einen schönen Steilpass zu Mpenza, den die Berliner nun erst recht nicht auf der Rechnung hatten. Dieser stürmte mit Vollgas auf Fiedler zu, und zeigte dann eine erste Kostprobe von dem, was er uns den ganzen Nachmittag über präsentieren sollte: Die Kunst, kein Tor zu schießen, in nie gesehener Vollendung und Perfektion!

Okay, vielleicht hätte schon sein erster Versuch gesessen, aber da bekam Madlung noch seine Gräten zwischen. So zwiebelte die Pille über Fiedler hinweg per Bogenlampe an die Latte, den Nachschuss nahm Lauth per Fallrückzieher, wurde aber dabei noch gestört, so dass es eine Ecke gab. Das ging ja schon gut los, drei Torversuche in nichtmal zwei Minuten. Und es wurde sogar noch besser: Beinlich trat die Ecke rein, und schwupps, war der Ball im Tor. Warum? Konnte man vonner Nord aus gar nicht so richtig erkennen, war aber auch wurscht. Als die Wiederholung auf der Anzeigetafel (die Videowände müssten bis zur WM mal überholt werden) lief, konnte man aber erahnen, dass da ein Berliner mit der Birne behilflich war. Im Stadion wurde der Treffer erstmal Barbarez zugesprochen, aber der erste "Held des Tages" hieß dann wohl doch eher Dick van Burik.

Fünf Minuten später, immer noch hatte kein Herthaner Mpenza irgendwie richtig bemerkt. Der stürmte nach Pass von Sergej nämlich erneut auf Fiedlers Kiste zu, und noch einmal war van Burik der Dumme. Na gut, auf den Elfer hatte Mpenza auch stark spekuliert, aber wenn man dem Stürmer im Strafraum in die Beine latscht, gibbet nunmal ´nen Strafstoß, auch wenn Merk mit etwas anders ausgelegter Vorteilsregel auch das Tor von Lauth hätte geben können, das der aus der abgefälschten Pille dann schoss. Dass sich van Burik bei der Aktion auch noch selbst verletzte und ausgewechselt werden musste, setzte seinem Seuchentag irgendwie die Krone auf.

Bitte bitte, nicht Sergej schießen lassen.. Nee, Mehdi, ein Glück. Der schob den Ball dann auch "sicher" gegen den linken Innenpfosten (war auch nötig, sonst hätte Fiedler den vielleicht gehabt), von wo aus die Tretkugel dann zur allgemeinen Erleichterung ins Netz hoppelte. 2:0, acht Minuten rum: Bitte weitermachen!

Innenpfosten? Das kann Beinlich doch auch! Diese Szene dürfte wohl das Nicht-Tor des Spieltags sein. Erst schnibbelte Paule die Pille per Freistoß ans Gebälk, von da aus sprang der Ball zu Mpenza. Die Kunst, kein Tor zu schießen, Teil 2, 3 und 4 innerhalb von zehn Sekunden. Erst schoss er völlig frei Fiedler an, dann ´nen Abwehrspieler, und den letzten Versuch bolzte er dann ´nen halben Meter daneben. Au Backe, Emile...

Kurz danach kam dann die glorreiche Idee des Ordnungspersonals, doch mal einen Aufgang im völlig überfüllten Block zu schaffen. Ihr seid immer wieder geil, Leute, erst schnarchen, dann labern. Inzwischen war erstmal ´n bisschen Ruhe auf´m Platz, weil die Berliner so langsam wieder zur Besinnung kamen. Auf Hamburger Seite war erstmal Atouba für die Unterhaltung zuständig. Die Pille anehmen? Aber gern doch, mit der Hacke durch die eigenen Beine. Wenn das mal schiefgeht... aber so lange feiern wir ihn eben für diesen Quatsch. Allerdings übertrug sich diese Sorglosigkeit so nach und nach auch auf den Rest der Mannschaft, die das Spiel mehr und mehr einschlafen ließ. So war eine Ballstaffette zwischen Boulahrouz und Kirschstein unter störender Beteiligung zweier Berliner schon weniger zum Schmunzeln anregend. Bis die Hertha aus diesem Schlendrian das erste Mal sowas wie ´ne Torchance machen konnte, dauerte es aber bis zur 43. Minute, als Pantelic einen Kopfball nur knapp übers Tor fabrizierte. Welcher Schnarchsack hat den denn da bitte so frei rumstehen lassen, sechs Meter vor der Bude?!

Okay, Halbzeit. Zeit für dämliche Spielchen, wie zum Beispiel Lotto und ´nen Herthaner in einem aufgeblasenen Plastikball durch einen Slalomparkurs zu schieben. Die Hertha-Fans rollten dabei zwar die Häfte der Fahnen mehr oder weniger einfach über den Haufen statt drumrum, aber gewonnen haben sie trotzdem... ein paar Holsten-Taschen, herzlichen Glückwunsch.

Zweite Halbzeit. Der HSV versuchte nun das Spiel mehr oder weniger wie gegen Duisburg einfach runterzuleiern, nur dass Hertha eben nicht Duisburg ist. Trotzdem, das Spiel hätte nach etwas mehr als 50 Minuten durch sein müssen. Marcelinho, in der ersten Halbzeit schon wegen einer Meckerei mit ´ner gelben Karte versehen, sah sich irgendwie genötigt Lauth nach einer Trikotzuppelei mit dem Ellbogen loszuwerden, und sah deshalb auf einmal zwei bunte Kärtchen vor seiner Nase herumwedeln. Okay, für mein "Kicker"-Team nicht gerade eine berauschende Angelegenheit, aber für dieses Spiel doch bestimmt nicht verkehrt, so aus Hamburger Sicht. Oder... oder..?

Boing, Hertha wach! Als erster versuchte sich der Mann mit dem lustigen Namen Boateng (klingt irgendwie wie ´ne gerissene Gitarrensaite), dessen Fernschuss Kirsche aber mit einer gekonnten Flugeinlage erhechtete und sogar festhalten konnte. Der Typ gefiel einem immer besser, zumal er bis dahin die Sicherheit ausgestrahlt hat, die ich seit Piekenhagen in seinen besten Tagen doch ein wenig vermisst habe. Danach eierten die Berliner verzweifelt nach einer Lücke suchend fast pausenlos in unserer Spielhälfte herum, wobei die Hamburger allerdings zunächst die besseren Torgelegenheiten verbuchten.

Ihr Auftritt, Herr Mpenza! Okay, den Ball hätten auch andere wahrscheinlich nicht zwingend reingemacht. Aber nach so vielen Versuchen muss doch irgendwann mal einer sitzen. Na ja, sein Solo über das halbe Feld schloss er jedenfalls mit einem Schuss am linken Pfosten vorbei ab. Sergej in der Mitte hätte wohl lieber einen Querpass gehabt, aber da Emile hinten keine Augen hat, konnte er den nicht sehen.

Nächster Auftritt, Herr Mpenza. Nu aber, nur sieben Meter... auch nicht. Verdammte Hacke!

Danach waren wieder die Berliner dran. Pantelic wollte wohl irgendwie Emile Konkurrenz machen. Wobei - das Kunststück, den Ball statt ins Tor mit Vollspann rückwärts zu treten, soll auch erstmal einer überbieten. Wiiir gratulieren, wiir gratulieren.... (sing)

Den nächsten Ball konnte Kirschtein dann noch halten, nachdem Bastürk ihm die Pille fast direkt in die Arme schoss. Danach sah er aber, ähm, etwas dusselig aus. Wie übrigens die gesamte Abwehr. Wieder hatte Bastürk den Ball, aber wirklich keine Sau sah sich genötigt, sich dem mal in den Weg zu stellen. Im Gegenteil, die liefen teilweise sogar aus dem Weg. So konnte der kleine Türke aus etwas mehr als zwanzig Metern unbedrängt abziehen.

War der Platz schuld? Weiß ich nicht. Kurz vorher war der Ball beim Versuch eines Flachpasses fast über den Mitspieler rübergesprungen. Der Schuss von Bastürk flutschte jedenfalls strunzdoof unter Kirschsteins Körper hindurch, murmelte mit der geschätzten Geschwindigkeit einer gehbehinderten Sumpfkröte gegen den Innenpfosten und kroch dann mit letzter Kraft (höchstens dreibeinige Ameise) über die Linie. 2:1, noch gut 15 Minuten. Verdammt, Leute, müsst ihr es denn immer so spannend machen?! Ihr könnt doch nicht genauso dämlich sein wie Gladbach vor zwei Wochen!

Fast wäre es noch ins Auge gegangen. Erst semmelte Neuendorf den Ball übers Tor, dann knapp am Pfosten vorbei. Hallo, AUFWACHEN!

Na ja, irgendwie hatten es die Hamburger dann kapiert und hielten Hertha endlich wieder von der eigenen Kiste weg. Dabei mithelfen durfte auch Takyi, willkommen in der Bundesliga. Nachdem Merk sogar Sprechchöre von den HSV-Fans geerntet hatte, nachdem er (mit Recht) eine Abstoßentscheidung seines Linienrichters in eine Ecke umdrehte, war dann auch bald Schluss. Puuh, das hätte man auch einfacher haben können.

Da es ja mein letzter Aufmarsch im Volkspark für dieses Jahr war, blieb ich, bis auch der letzte Spieler sich auf den Weg in die Kabine gemacht hatte. Vorher mussten sie natürlich noch eine megalange Uffte-Aktion mitmachen. Da meine Gladbacher in Hannover immerhin ein 1:1 erkickt hatten, konnte ich mit den Ergebnissen des Spieltags ganz gut leben.

Auf´m Rückweg wollte ich ja noch bei Knappi anhalten, nur herrschte dort inzwischen wieder Hochbetrieb, und irgendwie war´s immer noch schweinekalt. Deshalb kommen die guten Wünsche für die Feiertage eben an dieser Stelle. Bis zum Februar, Jungs und Mädels!

Ansonsten passierte auf der Rückfahrt nichts mehr, was noch berichtenswert wäre. Zum Glück war es nicht nass, sonst hätte es bei den Temperaturen eine unschöne Rutschpartie geben können. Um kurz vor 19.00 Uhr war ich zu Hause, und nach der Sportschau auch schon fast weggeknackt, als Schröder kam um später mit mir Boxen zu gucken. Dieser verzog sich allerdings wieder, als er peilte, dass ich den Kampf wohl eher mit geschlossenen Augen "verfolgen" würde.

In dem Sinne: Gute Nacht!

Gruß
Dilbert

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