31.01.2005 Peter der Große?

Ich bin keiner, der vorschnell nach Trainerentlassungen schreit. Ich begleite meinen VfL seit über 20 Jahren durch alle Höhen und Tiefen und ich habe nur zweimal die Geduld schneller verloren als der Vorstand: Bei Holger Osieck, der den ersten Bundesliga-Abstieg einleitete, und bei Ernst Middendorp, der den dritten Wiederaufstieg fast verhindert hätte.

Ich schreie auch dieses Mal nicht „Neururer raus!" – ich heiße es sogar gut, dass der allmächtige Werner A. öffentlich davon spricht, mit diesem Trainer notfalls in die zweite Liga gehen zu wollen. Er bescheinigt ihm damit sein Vertrauen in die fachliche Kompetenz und dem ganzen Umfeld störungsfreies Zusammenwirken.

Peters Erfolge in Bochum sprechen für sich. Erst das Wunder des vierten sofortigen Wiederaufstiegs aus fast aussichtsloser Lage, dann der überzeugende Klassenerhalt, schließlich die beste Bundesligasaison der Vereinsgeschichte. Irgendwoher muss er ja auch stammen, der Spitzname „Peter der Große".

Nun dürfen wir aber die Realität der Gegenwart nicht verkennen. Die ist schon bei Blick auf die Tabelle düster genug, erschwerend hinzu kommt die Art und Weise, wie die Mannschaft sich in Leverkusen präsentiert hat. Hilf- und ideenlos agierte sie schon die ganze Vorrunde über – am vergangenen Samstag kamen fatale weitere Faktoren dazu: Die zweite Halbzeit hinterließ auch noch den Eindruck von Mut- und Wehrlosigkeit. (Natürlich ist man auch glücklos. Aber man hat dieses Spiel nicht verloren, weil das 1:0 ein Abseitstor war und auch nicht, weil Marcel Maltritz dem heran nahenden Ponte so ungeschickt gegen den Fuß schoss, dass der Ball den Weg zum 3:0 ins Tor fand.)

Peter Neururer sagte nach dem Spiel in der Pressekonferenz, man habe bis zum 1:0 Spiel und Gegner im Griff gehabt. Schön. Was nützt es, wenn man danach auseinander fällt wie ein vertrockneter Krümelkuchen? Gegen Hertha BSC in der Vorwoche machte die Moral noch Mut: Nach 0:2-Rückstand rettete man noch einen Punkt. Von dieser Moral war in Leverkusen auch nichts mehr zu sehen. Besonders schmerzhaft fällt auf, dass der VfL, Moral hin oder her, in fast jedem Spiel in Rückstand gerät. Wenn es dann ab und zu nach tollen Kampfleistungen noch zu einem Unentschieden reicht, mag man sich ein anerkennendes Nicken dafür einstecken können, eine für den Klassenerhalt ausreichende Zahl von Punkten wird so aber nicht zusammen kommen.

Angst fressen Seele auf. Treffender kann man den Zustand der Mannschaft nicht mit vier Worten beschreiben. Die Elf glaubt nicht mehr an sich. Während Peter Neururer im täglichen Training sicher vorzügliche Arbeit leistet, hat er sein Pulver an psychologischen Reizpunkten längst verschossen. Er hat sich vor die Mannschaft gestellt, er hat kriselnden Leistungsträgern den Rücken gestärkt, er hat es auch hin und wieder damit versucht, die Startelf durcheinander zu wirbeln und dabei selbst vor Namen wie Wosz, Zdebel und Madsen nicht haltgemacht. Er hat Talente wie Misimovic in die Verantwortung genommen und Edu nach dessen Katastrophen-Fehler aus der Schusslinie genommen. Das Fazit fällt eindeutig aus: Die Mannschaft würde gerne, sie spielt auch nicht gegen den Trainer, sie glaubt nur nicht mehr an eine Wende – und Peter Neururer gelingt es nicht mehr, ihr diesen Glauben zurück zu geben.

Jetzt erst ist der Moment gekommen, an dem sich erweisen wird, wie groß Peter Neururer wirklich ist. Vielleicht sollte er zurücktreten, von sich aus und aus freien Stücken. Wenn die Mannschaft sich auch von dieser Maßnahme nicht aufrütteln lässt, hat sie den Klassenerhalt auch nicht verdient – und Peter der Große könnte sein Gewissen damit beruhigen, wirklich alles versucht zu haben.

Noch ist es nicht zu spät. Der nächste Gegner heißt Bielefeld und befindet sich auch in einer eher schwachen Phase. Peter Neururer hat die Partie als ein Endspiel bezeichnet und trifft damit, zumindest aus Bochumer Sicht, den Nagel auf den Kopf. Ein Sieg könnte die Welt gleich wieder viel freundlicher aussehen lassen, denn Mainz rutscht dieser Tage massiv ab und Dortmund, Nürnberg und Gladbach sind ebenfalls noch lange nicht aus dem Schneider.

Vielleicht ist auch eine Rücktrittsdrohung ein wirksames Instrument: „Wenn ihr mich als Trainer behalten wollt, liebe Spieler", könnte Neururer sagen, „rennt und kämpft darum – und schlagt Bielefeld." Natürlich darf die Drohung nicht leer sein – wenn es schief geht, muss er tatsächlich seinen Hut nehmen.

Ich würde ihn dann als einen der großen Bochumer Trainer in Erinnerung behalten, mit Eppenhoff, Höher und Toppmöller in einer Reihe.

Noch gibt es 45 Punkte zu holen – 24 davon würden wahrscheinlich reichen.

nächster Beitrach in der Rubrik VfL Bochum:
24.10.2004 Das böse, wahre Wort von David F.
nächster Beitrach von David F.:
23.12.2004 Lasst ihn mal machen! in der Rubrik Nationalmannschaft
Autor:
David F.
Anmerkungen? Kritik?
Ab ins Forum
Links
offizielle Seite
bochum-fans.de
 
DVD
VfL Bochum-DVD
Wer braucht schon ein Sektfrühstück bei Real Madrid? [DVD]
>>  zum Shop