19.12.2005 Noch zwei bis drei WM-Tickets abzugeben!

Den ganzen Herbst über beschäftigten sich die selbst erklärten Experten in Presse und TV mit lautstarkem Rumgeheule, dass Jürgen Klinsmanns Aufstellungen in den Freundschaftsspielen zu wenig klare Linie im Hinblick auf die Weltmeisterschaft erkennen ließen. Das aber ist kompletter Blödsinn!

Natürlich, wenn man immer nur ein Spiel mit der vergangenen Partie vergleicht, kann man zu diesem Ergebnis gelangen, doch nicht selten waren es verletzungsbedingte Absagen, die den Bundestrainer zu mehr Experimenten zwangen – kein neues Phänomen also. Tatsächlich aber zeichnet der deutsche Kader für die Weltmeisterschaft im eigenen Land sich bereits deutlich ab.

Wie die einschlägigen Fachmedien es bereits von mir gewohnt sind, setze ich bei meiner Analyse Fitness aller Spieler voraus und bemühe mich, jede Position doppelt zu besetzen. Anders als sonst zäume ich das Pferd jedoch heute von hinten auf und beginne beim Sturm:

Alles läuft auf Asamoah, Klose, Kuranyi, Podolski hinaus. Hanke hat sich in der nun beendeten Hinrunde der Bundesliga überhaupt nicht empfehlen können, Brdaric bleibt besser ohnehin außen vor, da ihm internationale Klasse fehlt, Lauth ist beim Höhenflug des HSV eher Randfigur geblieben. Erste Alternative im Falle ernsthafter Verletzungen ist damit ein alter Bekannter: Oliver Neuville! Zumindest gegen Hinrundenende zeigte er sich in bestechender Verfassung. Und dann gibt es noch einen Shooting-Star, den man im Auge behalten kann, Nürnbergs Stefan Kießling nämlich. Bei Auer und anderen wird es hingegen nicht reichen. Im Normalfall sind die vier Tickets gebucht.

Im Mittelfeld stehen sieben der acht Namen fest. Ballack und Borowski für den Part hinter den Spitzen, Deisler und Schneider rechts, Ernst und Frings in Staubsaugerposition und Schweinsteiger links. Dessen Pendant dürfte sich zwischen Hitzlsperger und dem wieder erstarkten Dortmunder Kehl entscheiden. Vorteil Kehl: Er kann auch den defensiven Part oder zur Not gar Manndecker spielen. Möglich wäre allerdings auch noch Marcel Jansen – wenn sich adäquater Ersatz für ihn in der Defensive findet, wonach es derzeit nicht aussieht. Früher gehandelte Namen wie Freier (rechts) oder Hamann (defensiv) dürften nur bei Verletzungen des Stammpersonals und überragender Rückrunde noch Chancen bekommen, gleiches gilt für Lauterns Marco Engelhardt. Eher könnte noch Alexander Meier aus Frankfurt für eine Überraschung sorgen, aber er kommt nun wohl ebenso zu spät wie der schon lange hoch gehandelte Thomas Broich und Gladbachs neuestes Talent Eugen Polanski.

Womit wir bei der Außenverteidigung wären. Links sieht es nach Lahm und Jansen aus, weil Schulz wohl noch nicht so weit ist und Pander erst einmal wieder spielen müsste, um noch zur Alternative werden zu können. Rau? Spielt nicht einmal in Bielefeld. Hier scheint die Ticketvergabe gelaufen zu sein. Rechts stellt sich die Situation nicht viel anders dar: Hinter dem unumstrittenen Arne Friedrich geht der zweite Platz wohl mangels ernsthafter Konkurrenz praktisch kampflos an Patrick Owomoyela, obwohl ich mich manchmal frage, ob der nicht besser Mittelfeldspieler wäre, da seine überzeugenden offensiven Qualitäten immer wieder von defensiven Stellungsfehlern überschattet werden. Andreas Hinkel hat inzwischen sogar beim VfB Stuttgart seinen Stammplatz verloren und Andreas Görlitz kommt gesundheitlich einfach nicht auf die Beine. Nach meiner letzten Analyse im Sommer wurde mir Frankfurts Patrick Ochs ans Herz gelegt, aber der ist ebenfalls längerfristig verletzt.

Das zweite noch freie Ticket gibt es in der Innverteidigung. Mertesacker und Metzelder haben ihre fest gebucht, und trotz des immer wieder zu Recht bemängelten Spielpraxisdefizits von Robert Huth dürfen wir wohl auch mit dem Schrank aus Mourinhos Star-Ensemble rechnen. Für ihn spricht nämlich, dass Kollege Mertesacker an seiner Seite seine besten Länderspiele gemacht hat, noch kürzlich war jenes in Paris dazu zu zählen. Das Duell um den letzten freien Platz liefern sich der junge Lukas Sinkiewicz und der alte Christian Wörns. Der Kölner ist sicher mit mehr Talent ausgestattet, dennoch sehe ich momentan den Dortmunder Routinier ein paar Schritte vorn, da gerade für Abwehrspieler Erfahrung ein unschätzbarer Vorteil ist und die eklatante Verunsicherung des Kölner Teams für „Lukas II." sicher auch alles andere als hilfreich ist. Nur noch Außenseiterchancen bestehen für die Bremer Baumann (geringe) und Fahrenhorst (sehr geringe) und die Rückkehr von Markus Babbel oder Jens Nowotny in den Kreis der Auserwählten erscheint nach derzeitigem Stand unwahrscheinlich bis sehr unwahrscheinlich. Auch das Debüt von Manuel Friedrich aus Mainz sehe ich bis zur Weltmeisterschaft nicht mehr kommen.

Im Tor ist alles klar für Hildebrand, Kahn und Lehmann – vorausgesetzt letzterer will sich noch einmal bei einem großen Turnier auf die Bank setzen. Falls nicht, gibt es hier noch ein drittes Ticket, und mit Rost, Enke, Jentzsch und Weidenfeller sind ausreichend qualifizierte potenzielle Erben in großer Anzahl vorhanden.

So also sieht, Stand Winterpause 2005/06, mein Kader für die WM 2006 aus, Fitness und Top-Form aller möglicher Kandidaten vorausgesetzt:
Tor: Hildebrand, Kahn, Lehmann
Innenverteidigung: Huth, Mertesacker, Metzelder, Wörns
Außenverteidiger links: Jansen, Lahm
Außenverteidiger rechts: Friedrich, Owomoyela
Mittelfeld: Ballack, Borowski, Deisler, Ernst, Frings, Kehl, Schneider, Schweinsteiger
Angriff: Asamoah, Klose, Kuranyi, Podolski

Ein wenig Sorgen bereitet uns, Jürgen, Jogi und mir, der aktuelle Zustand vieler der genannten Kandidaten. Metzelder, Lahm und Asamoah befinden sich nach längeren bis langen Verletzungspausen noch auf Formsuche, Huth bekommt bekannt viel zu wenig Spielpraxis, Ernst und Podolski sind seit Saisonbeginn nie richtig in Schwung gekommen, Deisler hat sich zwar stark verbessert, neigt aber noch immer zu übermotivierten Aktionen, die der ganzen Mannschaft schaden können, und Kuranyi, Schneider und Schweinsteiger präsentierten sich ausgesprochen schwankend. Leider kann also die Hälfte der Feldspieler auf die eine oder andere Weise als Sorgenkind angesehen werden. Noch aber gibt es die Rückrunde, und vielleicht nehmen sich alle ein Beispiel an Jansen, Borowski und Klose: Diese drei haben allen Beobachtern in der Hinrunde sehr viel Freude gemacht!

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Autor:
David F.
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