21.11.2003 Mein Name ist Brinkmann - Ansgar Brinkmann

Der Mann rührt unsere Gemüter nicht. Nein, er schüttelt sie regelrecht. Selbst ich, der ich mich doch zur Gruppe der abgeklärten, gleichmütigen und mit fast allen Wassern gewaschenen Beobachterfraktion in Personalfragen zähle, kann mich nicht ganz davon lossagen. Vor einigen Wochen stehe ich im Bahnhof Münster, den Kartenschalterschlangestehfreuden frönend, die zu einer Fern- und Wochenendbeziehung gehören. Hinter mir zwei männliche Altersgenossen. Ihre Unterhaltung entlarvt sie als Fußballsachverständige, in diesem Fall Anhänger des FC St. Pauli. Man kommt kurz ins Gespräch: „Läuft ganz gut für Pauli…ja genau, der VfL …blablabla…ne, war unterwegs gestern…aha, Ahlen 1:4 in Lübeck…“ Und dann lässt einer der beiden in einem Nebensatz eben diese Info fallen, die mich die Vorfreude auf meine Freundin schlagartig vergessen lässt. Ach, Brinkmann suspendiert? Gedanken kreisen - er könnte dann ja… wär aber… nun, wenn er gesund ist… aber den auch noch bezahlen…wo is mein Handy?!?!

Der weiße Brasilianer. Eine Bezeichnung, die ihm Rolf Schafstall vor vielen Jahren in Osnabrück verpasste. Der Rolf kam der Sache schon recht nah, konnte es aber auch nicht besser wissen. Damals gab es ja noch nicht so viele Brasilianer in Deutschland.

Denn Ansgar Brinkmann ist eigentlich brasilianischer als ein Brasilianer. Er kann sich manchmal noch schlimmer benehmen als Ailton, Amoroso und Julio Cesar in seinen besten Zeiten zusammen. Ansgar rennt früh morgens vor der Polizei weg, Ansgar prügelt sich in Fast-Food-Restaurants, Ansgar wechselt Vereine wie andere Leute Hemden und in einer überschaubaren Stadt wie Osnabrück hat wirklich jeder Ansgar außer bei Schlecht-Fußballspielen schon bei allem möglichen gesehen.

Ansgar kann aber auch Fußball spielen wie ein Brasilianer, kann ganze Abwehrreihen in den Wahnsinn treiben, tausende in Ekstase versetzen, echte Brasilianer vernaschen und jederzeit ein Spiel auf den Kopf stellen. Deutschlands letzter Straßenfußballer - sagt er. Aber es gibt halt wirklich Tage, da erkennt man einen kleinen ballverliebten Jungen vom Lande, der mit seinem Spielzeug so tolle Sachen machen kann. Und was in der langen Reihe von Geschichten, Taten und Zitaten Dichtung und Wahrheit ist, weiß der für viele nie so richtig erwachsen gewordene Junge wahrscheinlich schon lange selber nicht mehr.

Derzeit wird Ansgar Brinkmann in Osnabrück mal wieder nicht so sehr geliebt. Ansgar (Berufsbezeichnung: Fußballprofi) spielte zuletzt lieber für Geld statt ideelle Werte. Als angemessenen ideellen Wert zieht man hierzulande den VfL in Betracht. Sein Fehler war es, mit dieser alten Liebe mal wieder heftig zu flirten. Und wer will einer Geliebten die Verstimmung verübeln, wenn sie wegen der schnöden Zusage gegenüber einer anderen schmählich sitzengelassen wird? Wie handfest die Verstimmung diesmal war, brüllte die Verschmähte ihm dann beim Saisonauftakt in Ahlen entgegen.

Ansgar hat vor einiger Zeit in einem Interview zugegeben, „oft genug zurecht auf die Fresse bekommen zu haben“. Gab es also dieses Jahr auch schon. Auf und neben dem Platz. Zu Recht oder auch nicht. Ansgar Brinkmann wird so oder so weiter tun und lassen, was er will. Und wenn Ansgar gern in Osnabrück Fußball spielen möchte, wird er das wohl auch tun. Und wenn Ansgar zwei gute Spiele macht, werden wir ihm auch wieder alles verzeihen. Der Pöbel ist schließlich wankelmütig. Wie die Liebe.

nächster Beitrach in der Rubrik VfL Osnabrück:
31.10.2003 Kinder an die Macht! von Larsimann
Autor:
Larsimann
Anmerkungen? Kritik?
Ab ins Forum
Links
offizielle Seite
lila-weiss.de