30.09.2003 Vom Wesen der Kette

Funktionierende Ketten sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken: Ohne gut geölte Kette könnte Jan nicht jedes Mal Zweiter bei der Tour werden, fehlende Logistikketten würden den Regalen in unseren Supermärkten aufgrund fehlender Waren einen morbiden Ostcharme verleihen, politische Aktionen mit Lichtunterstützung würden aus der Vogelperspektive wie Glühwürmchenschwärme aussehen und Splatterfilme müssten ohne Massaker auskommen, da sich die Motorsägen ohne Ketten als stumpfe und der Attitüde dieses Genres ungeeignete Werkzeuge erweisen würden. Das haben dann auch die Strategen des modernen Fußballs erkannt und den Abwehrreihen in der Post-Netzerischen-Standfußballzeit eine Dreier- oder, wenn die offensive Kraft des Gegners gar übermächtig erscheint, sogar eine Viererkette verpasst. Was hat das alles mit dem aktuellen Elend des ehemaligen Real Madrids des Westens zu tun?

Meiner Meinung nach irgendwie alles! Das Konzept von Funkel sah ja vor der Saison auf dem Papier recht ansprechend aus. Viererkette hinten, wobei die erfahrenen Heinrich und Dogan die autistischen Momente, die sich Sichone und Schröder in jedem Spiel leisten, minimieren sollten. Davor der wackere Schindzielorz, der in der Post-Lienen-Zeit dafür sorgen sollte, dass sich Lottner zum Qualmen nicht mehr hinterm Geißbockheim verstecken muss, um dort weiter erfolgreich an seinen läuferischen und konditionellen Defiziten zu arbeiten. Diese Konzept war aber spätestens nach dem zweiten Spieltag Makulatur, als sich Dogan als Folge eines Springer auf F2 respektive ohne Not direkt vor die Füße des Gegners platzierten Kopfballs verletzte und dem armen Happe verdeutlicht wurde, dass sich seine aktive Zeit als Profikicker rasant dem Ende zuneigt. Was tun, FC? Song zurückzuholen, der sich in der Abstiegssaison bis zur letzten Minute jenes Körperteil aufgerissen hatte, in welches man dem aktuellen Kader aber nur noch gehörig reintreten sollte, erschien den FC-Oberen als finanziell zu wagemütig. Stattdessen gab es den von Cardiff – das liegt zwar auf der Insel, aber nur in Wales, und die spielen nicht in der Premier League - heiß umworbenen Klos, der sich nach anfänglichen Eingewöhnungsschwierigkeiten spätestens bei Oberneuland qualitativ in unser Abwehrgefüge integriert und seitdem dafür gesorgt hat, dass dem FC-Fan selbiger des öfteren im Halse stecken bleibt.

Neun Gegentore in drei Partien bzw. sieben in zwei Heimspielen sprechen eine deutliche Sprache dafür, dass es sich beim FC ausgekettet haben sollte. Dem aufmerksamen Spielbeobachter ist es hoffentlich nicht entgangen, dass Sichone und Co. im Spiel Mann gegen Mann durchaus ihre Qualitäten haben. Aber halt nicht auf einer Linie, denn spätestens Micouds 0:1 hat gezeigt, dass Abwehrlöcher in einer Größe, die jeden gestandenen Schweizerkäse neidisch machen, nicht in den bezahlten Fußball gehören. Daher hätte ich mir auch gewünscht, wenn die Südtribüne nicht "Funkel raus", sondern "Cichon rein" gerufen hätte. Der "Franz" ist sicherlich kein spielender Libero im Sinne seines großen Namensvetters, aber sehr wohl in der Lage, den Ball in höchster Not und ohne Rücksicht auf sich und Gegner brachial auf die Tribüne zu donnern. Daran hätte sicherlich auch der untadelige Wessels seine Freude, es sei denn unser Spiel ist eine Art Feldexperiment, um Bade zu verdeutlichen, dass er eine geborene Nummer 2 im Tor ist. Dieser Gedankengang enthält m.E. sogar eine gewisse Logik, die allerdings zumindest in Amerika dazu führen würde, dass mindestens ein amokatisierter Fan dem Geißbockheim einen Besuch mit einer funktionstüchtigen Kettensäge abhalten würde. Liebe FC-Fans, bitte nicht nachmachen, ist doch alles nur Satire!!!

Nun, Grottengekicke in Serie führt dann zwangsläufig zu Kettenreaktionen, in denen der Trainer nun mal das schwächste Glied ist, und irgendwann habe auch ich "Funkel raus" gerufen, und in der Nachbetrachtung habe ich dies aus zwei Gründen getan. Warum hat Funkel Kringe auflaufen lassen? Der arme Junge hat ab Spielbeginn gezeigt, dass er sich für das Spiel gegen Bremen in Sachen Dynamik und Reaktionsgeschwindigkeit vorbildtechnisch bei seiner Zivildienstkundschaft im Altenheim orientiert hat und durch seine ganze Körpersprache signalisiert, dass er sein eher passives Mitwirken am Spielgeschehen in einem Zustand höchsten Unwohlseins absolviert. Und dies quälende 42 Minuten direkt vor den Augen Funkels. Kann oder muss das ein richtiger Trainer nicht erkennen, wenn er seinen Spielern morgens in die Augen schaut? Wenn ja, gehört Funkel sofort weg. Wenn nicht, stellt sich mir die Frage, warum Funkel nicht bereits nach einer Viertelstunde einen "taktischen" Wechsel vorgenommen hat? Kringe hätte sich ja an den Oberschenkel fassen und vom Platz humpeln können, aber dafür ist der Arme noch nicht lang genug beim FC, denn sonst hätte er dies von Timm lernen können. Dafür dann ein Wechsel in Minute 42. Vor dem 0:2 hatte Funkel minutenlang mit Helbig an der Außenlinie gestanden und dabei wild gestikuliert. Das sah von meinem Platz schon schwer nach Vogts/Littbarski-Aktionismus aus. Anscheinend wurde Helbig so für seinen Einsatz in der zweiten Halbzeit instruiert, was ja auch Sinn macht, damit sich Helbig in der Pause warm machen kann. Für Helbig hätte aber auch die Androhung von körperlichen Repressalien für den Fall einer weiteren roten Karte genügt, aber das nur am Rande. Dann fällt u.a. dank Kringe das 0:2, und Funkel wechselt in Panik für drei Minuten von der Bank einen kalten und gelernten Stürmer ein, um weiteren Schaden von der desolaten FC-Abwehr abzuwenden? Tja, als Trainer fällt man halt zuweilen einsame Entscheidungen, aber das unterscheidet die Bundesliga halt vom Schützentum in Funkels Heimat.

Was ich Funkel ferner übel nehme, ist die Tatsache, dass er Springer und/oder Voigt nicht rausgenommen hat, denn beide haben gegen Bremen einen neuen Ligarekord in leichten Stockfehlern aufgestellt. Im Spiel nach vorne fiel ihnen auch nichts Besseres ein, als lange und vor allem hohe Bälle auf Voronin zu schlagen. Das haben die Zwei wahrscheinlich aus der Videoanalyse vor dem Spiel gegen den BvB oder aus alten Kioyo-Zeiten im Hinterkopf behalten, dabei aber außer Acht gelassen, dass Koller zwei und Kioyo anderthalb Köpfe größer als Voronin ist. Mit diesem Konzept hält man nicht die Klasse, aber das sah auch eher danach aus, als wenn Funkel gar kein Konzept mehr hat. Und daher heißt es erneut "Funkel raus".

Am Samstag darf Hildebrandt dann gegen den FC Kahns Rekord überbieten, und dann ist Spielpause und somit Zeit für Caspers und Rettig, um einen neuen Trainer zu präsentieren. Fragt sich nur welchen? Einen rettenden Erlöser "im blauen Hemd und mit ganz vielen kleinen Zetteln", wie die Wise Guys vor ein paar Jahren sangen, ist irgendwie nicht in Sicht. Gerade habe ich im Fernsehen vernommen, dass dem Kader der freie Tag gestrichen wurde. Nach der Niederlage in Stuttgart kommt dann sicherlich noch das Verbot von Kölsch, Burgern und Discobesuchen hinzu, und somit könnten wir uns erneut mit dem "heiligen Ewald" in Ruhe auf die nächste Saison vorbereiten. Dann gäbe es auch wieder FC-Spiele live im DSF, die für mich immer ein schöner Ausklang des ersten Tages in der Arbeitswoche gewesen sind.

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28.09.2003 In Erwägung ihr hört auf Kanonen von Pecker
Autor:
Hennes VIII
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