18.02.2003 Werderfan Turbo - Von 0 auf 180 in vier Spielen
Vier Spiele, ein Punkt. Das ist nicht etwa die Bilanz des deutschen Daviscup-Teams der letzten Jahre, sondern die des SV Werder Bremen nach der Winterpause. Es kriselt, der Verein rotiert und die Fans toben. Im Fanforum wurden gleich duzende Threads eröffnet, alle mit unterschiedlichen Überschriften aber identischen Inhalten. Tenor: Jedes Jahr dasselbe mit Werder, keine Spitzenmannschaft, wo sind die Schuldigen und Abstiegskampf hat begonnen. Ziel: Die reine Frustbewältigung.
Und die Medien stimmen ein in den Kanon der Enttäuschten. Anstatt Werder mal einfach einen guten Klub sein zu lassen, pressen sie ihn ins altbekannte Wellenkorsett: Erst hui, dann pfui, erst Bayernjäger, dann graue Maus, erst Applaus, dann Arschtritt, erst Deutschland sucht den Superstar, dann eiskalt rausgewählt. Natürlich wundere ich mich nicht über den Mechanismus, nach dem die Medien funktionieren, aber ich wundere mich immer wieder, was dieser simple Mechanismus für weitreichende Konsequenzen hat.
In der Tat eignet sich Bremen für diese Art der Berichterstattung sehr gut. Denn scheint es auch 2003 wieder so zu kommen, dass das Team in der Rückrunde einbricht. Aber was viele nicht wissen: Die in Nürnberg verlorenen Punkte werden wir uns am grünen Tisch zurückholen. Schließlich ist es (ungeschriebenes) DFB-Gesetz, dass Werder 1) immer gegen 1860 verlieren muss und 2) immer gegen Nürnberg gewinnen muss. Und nachdem sich die Grün-Weißen artig an Punkt eins gehalten haben, mimen die "Cluberer" den Regelbrecher und gewinnen einfach so mit 1:0. Aber abwarten, ein entsprechendes Schreiben habe ich gerade an den DFB gefaxt, wäre doch gelacht wenn dieser mit seinen so bedeutenden Traditionen brechen würde.
Aber zurück zur obligatorischen "ran"-tauglichen und Datenbank-geprüften Krise. Respekt an die Mannschaft, dieses Jahr habe sogar auch ich dran geglaubt, dass der Einbruch ausbleiben würde. Aber was wäre Werder ohne seine immer wiederkehrenden Strukturen? Und so kommt es wie es kommen muss. Mein Lieblingsverein tut das, was er immer tut. Das ist zwar sicher frustrierend, aber man ist ja auch nicht zum Spaß Werderfan.
Oder doch? Verwechsle ich da was? Denn ein Blick in eines der zahlreichen Fanforen zeigt deutlich: Der Mob tobt at it's best, die Spieler sind doch alle scheiße und die Mannschaft sollte sich doch mal persönlich für die Niederlagen entschuldigen. Irgendein schlauer Trainer hat mal gesagt, dass sich im Fußball alles durch die Anwesenheit eines Gegners erschwert, aber dieses eherne Gesetz ist an der Weser außer Kraft: Wenn Bremen verliert, dann nur weil sie das wollen, also weil sie nicht gewinnen wollen. So einfach ist das in Bremen.
Ein mutiger Standpunkt angesichts der Tatsache, dass lediglich gegen den Club schlecht gespielt wurde und Werder ansonsten ähnlich stark war wie in der gepriesenen Hinserie. Da liegt doch der Schluss nahe, dass das verwöhnte Fanvolk sich freiwillig in die Rolle des Fußballkunden begibt, über den ja immer so lautstark gemeckert wird. Es muss doch mal die Frage erlaubt sein, ob ich persönlich beleidigt über das gelegentliche Versagen eines jungen, unerfahren Teams sein kann, das auf Platz fünf der Tabelle steht. Oder ob ich da nicht gleich "Ich hab gezahlt, ich will was sehen" skandieren kann. Habe ich als Fan das Recht auf guten Fußball? Und wenn ja, wo kann ich das dann einklagen? Oder ist das nicht eher die Aufgabe des Kunden?
Also wie soll jetzt weitergehen? Markus Daun wegen seiner roten Karte lynchen? Das Team ein offizielles Entschuldigungsschreiben anfertigen lassen? Freikarten für alle? Oder Freibier? Anyway, im Fußball ist der Kunde eben kein König und darum freue ich mich auch auf die restlichen Spieltage mit meinem Team, egal wie, egal wo.
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Autor: The Arctic Cat | Anmerkungen? Kritik? Ab ins Forum |
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