25.03.2004 1860 München: Tierisches aus dem Löwen-Revier
In einer Diktatur die Opposition zu bilden, ist nicht einfach. Auch das Modell der Monarchie sieht diese Form politischer Beteiligung nicht vor. Und irgendwo zwischen Diktatur und Erbmonarchie lag die Regierungsform, die sich der ehemalige Löwenpräsident Karl-Heinz Wildmoser im Laufe der Jahre aufgebaut hatte.
Der König der Löwen konnte ein putziges und zutrauliches Wesen sein – wenn man denn seiner Meinung war. Aber wer wollte das schon sein, angesichts des Schmusekurses, den das Alphatier mit dem natürlichen Rivalen des Löwen, dem Roten, fuhr. Ein Teil des Rudels ging folglich in die Opposition. Doch das war nicht einfach.
Vereinsausschlüsse waren ein probates Mittel, allzu hartnäckige Regimekritiker von den Entscheidungen auszuschließen. Aber auch Zensur des Gästebuches, Applaus vom Tonband im Stadion und selbstmitleidige Interviews des Präsidenten dienten dem Zweck, den eigenen Kurs als populär und die Opposition als „ein paar Hanseln", die nur auf Randale aus seien, darzustellen. Den in Wirklichkeit überaus zahlreichen „Hanseln" blieb daher nur das Internet, um die Strukturen am Leben zu erhalten und Protestaktionen zu planen. Gelegentlich erinnerte das ganze jedoch an die „Volksfront von Judäa", man kam zwar schnell zu dem Ergebnis, dass etwas getan werden müsse, doch Wildmosers Macht- und Medienpolitik ließ wenig Spielraum für effektive Aktionen.
Dabei hätte eine objektive Betrachtung der Vereinspolitik eine gewaltige Mängelliste aufgedeckt. Nie wurde man den Verdacht los, dass der Präsident, der einst nur deswegen zu 1860 kam, weil er es bei den Bayern nicht in den Vorstand schaffte, sich nun aus Trotz einfach seinen eigenen FC Bayern zu basteln gedachte. Ganz dem Klischee des neidischen Nachbarn folgend, musste zunächst einmal ein genau so großes Stadion her. Blöd nur, dass sein Bayern-Imitat trotzdem kaum jemand sehen wollte, weswegen ihm grundsätzlich das Geld für Stufe zwei – ebenfalls erfolgreichen Fußball zeigen – fehlte. Daher reichte es für 1860 München, die vermeintliche Bayern-Kopie, bislang nur für das schale Gütesiegel „FC Bayern light". Doch spätestens durch den gemeinsamen Bau eines neuen Stadions könnten – so Wildmosers Vision – die Löwen ihre Rolle als Underdog abstreifen und sich an die großen Fleischtöpfe heranpirschen.
Vieles hätten ihm die traditionsbewussten Altlöwen verziehen, nicht jedoch die hiermit verbundene endgültige Aufgabe der alten Heimat, des Stadions an der Grünwalder Straße. Wie ein Elefant, der den traditionellen Porzellanladen gleich vollständig abreißt, um an seiner Stelle ein seelenloses Kaufhaus zu errichten, gab sich Wildmoser die größte Mühe, vollendete Tatsachen zu schaffen. Sein „Geschwätz von gestern" interessierte hierbei – schöne deutsche Polit-Tradition – auch nicht mehr. Und so würden auf dem Gelände des angeblich nutzlosen Stadions, als „Filetstück" des Münchner Immobilienmarktes angepriesen, wohl derzeit ein Luxushotel nebst Kongresszentrum entstehen, wenn nicht die Wirtschaftskrise den Bauboom in der Bayerischen Metropole vorerst ausgebremst hätte.
Dennoch schien die Sprengung der altehrwürdigen Arena nur eine Frage der Zeit, bis vor zwei Wochen eine Detonation die Löwenwelt erschütterte, deren Epizentrum überraschenderweise ein völlig anderes war. Und nachdem sich infolge des Bebens die personelle Besetzung des Löwenrudels grundlegend geändert hat, sieht nun die Opposition erstmals seit langer Zeit wieder die Chance einer sachlichen Diskussion ihrer Interessen.
Das Löwenforum im Internet erlebt seitdem einen gewaltigen Ansturm. Viele, die Wildmosers TSV 1860 zuletzt resigniert ignoriert haben, entdecken jetzt ihre alte Liebe wieder und nehmen an den Diskussionen teil. Und im Gegensatz zur Volksfront von Judäa lassen die Löwen jetzt auch Taten folgen. So entstand am vergangenen Dienstag die Idee, auf der gesamten Breite des Gegentribünen-Daches ein Werbebanner zu platzieren, auf dem die Löwenfans auf den Wert des Stadions als Heimat des TSV 1860 hinweisen. Und nachdem man in dieser Frage weder von den Vereinen noch von der Stadt großes Entgegenkommen erwartet, wurde auch sofort eine Sammelaktion gestartet, um diese Werbefläche regulär erwerben zu können.
Innerhalb der ersten 48 Stunden kamen bereits gut 5.000 € zusammen, und das, obwohl sicherlich viele Löwenfans noch gar nichts von der Aktion mitbekommen haben. Je mehr Geld letztlich eingeht, desto umfangreicher kann der Wille zum Erhalt des traditionsreichen Stadions demonstriert werden, eventuell auch mit Banden direkt am Spielfeld und somit im Fokus der TV-Kameras, die die Spiele der Bayern- und 1860-Amateure übertragen.
Wer sich näher für diese Aktion interessiert oder sich beteiligen möchte, findet unter www.loewenforum.de weitere Informationen.
Sich ebenfalls mit ein paar Euro beteiligend,
Majoney
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Autor: Majoney | Anmerkungen? Kritik? Ab ins Forum |
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