22.02.2003 Eine Zeitung im Spind
Pascal Ojigwe ist ein heisser Kandidat für den "Tor des Jahres". Nun gibt es diese Wahl zwar noch nicht, ich möchte sie hiermit aber eindringlichst vorschlagen.
Seine Aussage, gefunden im "kicker", nachdem ein Reporter sagte: "Wenn die Möchengladbacher am Dienstag gewinnen, ziehen die an euch vorbei!", lautete folgendermaßen: "Wie, haben die ein Spiel weniger als wir? Wie viel Punkte haben die denn dann?" gehört für mich zum Unfassbarsten, seit ich die Blutgrätsche lese und eigentlich auch noch weit davor.
Ich kenne diesen Mann nicht persönlich und ich will ihn hier auch nicht beleidigen, vielleicht gehört er ja zu den 4-5% Analphabeten, die es auch in Deutschland geben soll (und irgendwo müssen sie ja stecken, genauso wie es irgendwo diese paar Prozent schwule Fußballprofis geben muss), ich will lediglich feststellen, dass das mir und allen Leuten, die ich kenne, nicht passieren könnte. Mir könnte es auch nicht in Liga zwei passieren, nicht zu wissen, wie viele Punkte welche Mannschaft hat. Und wenn ich an die unendlich zählen Diskussionsrunden mit dem mir bekannten Freundeskreis denke, der lange in Kreisliga C darbte, bevor er nun in Kreisliga B sein Unwesen treibt, in denen es abendelang allein darum ging, wer wie viele Punkte vor einem stünde und was man mit 2 Siegen in Folge alles bewirken könne etc., dann wird mir Einiges klar. Das hatte irgendwie den Charakter eines immer gleichen Rituals, wurden doch nie 2 Siege in Folge eingefahren, und trotzdem hörte man am nächsten Wochenende wieder die gleichen Diskussionen. Wenn ich daran denke, wird mir klar, mit wie viel Leidenschaft diese Jungs bei der Sache sind, wohingegen diese Herren "Proffis"... Wohlgemerkt ist es wesentlich schwieriger, die Tabellenstände einer Kreisliga C zu erfahren als jene der Bundesliga. Selbst gesetzt den Fall, es gäbe das Internet nicht (wie herrlich, ich wäre von meiner Sucht befreit und würde stattdessen wieder nächtelang 0190-Werbungen schauen in heißer Erwartung des Programmbeginns von eurosport), ich denke selbst dann hätte man die Gelegenheit, sogar in Timbuktu und auch in Sao Paulo, Wellington, Hanoi oder auch im Land der ärgsten Ignoranten in Sachen Fußball und auch noch in einigen anderen Dingen, also sagen wir mal in Pittsburgh, Pa, herauszufinden, wie der Tabellenstand der Fußballbundesliga ist, die jetzt neuerdings irgendwie DFL oder so heißt. Anscheinend funktioniert das aber in Leverkusen nicht.
Ich überlege, ob ich vielleicht eine Flaschenpost an Pascal in den Rhein werfen soll, in die ich einen handbekritztelten Zettel mit dem aktuellen Tabellenstand der Bundesliga lege. Dann fällt mir ein, dass der Rhein ab Duisburg Richtung Amsterdam fließt. Und Amsterdam spielt ja Champions League. Ach, Leverkusen auch? Ja. Wusste Pascal wahrscheinlich auch nicht. Jedenfalls fließt der Rhein hier runter und nicht nach Leverkusen rauf, somit scheidet diese Variante aus.
Normalerweise sagt man gerne, bis xy* eintritt, wird noch viel Wasser den Rhein runterfließen. Bis Leverkusen abgestiegen ist, allerdings nicht. Wenn die Mannschaft noch nicht einmal weiß, wie viele Punkte sie eigentlich braucht, um nicht abzusteigen, kann das in einem Szenario enden, dass die Jungs am letzten Spieltag 0-1 hinten liegen und sich tierisch über den von ihnen erzielten Ausgleich freuen, weil sie denken, dass das reichen würde. Reicht aber nicht, und so wird allein Calli einen Herzinfarkt bekommen, nachdem er die SMS von Wolfgang Holzhäuser erhalten hat, dass der Punkt zu wenig war. Unten auf dem Rasen liegen sich die Spieler freudetrunken in den Armen, feiern sich und den Klassenerhalt, während die Reporter sich verdutzt anblicken. Bei der anschließenden Pressekonferenz sagt Ojigwe dann so etwas wie: "Wie? Abgestiegen? Kann man absteigen in der Bundesliga?"
Eine kleine Rückblende sei mir erlaubt. Es ist 1985, Stig (der Autor) sitzt in seinem Kabuff unter dem Dach des elterlichen Hauses (schöne Grüße an Christian, den Autoren der Cottbusser-Kolumne, habe mich sehr amüsiert) und lauscht der allsamstäglichen Radiokonferenz. Noch bevor Kurt Brumme oder wer auch immer den aktuellen Tabellenstand verliest, hat der kleine Stig sich seine Tabelle selbst handschriftlich zusammengeschrieben, auf einem Block, der auf der nächsten Seite schon eine Blankotabelle für den nächsten Spieltag besitzt. Nach damals noch existierenden Freitagsspielen, deren Ausgang erst jenseits der von einer höheren Instanz befohlenen Einschlafzeit feststand, wetzte Stig am Samstag sofort nach Erwachen in die Küche, wo die Zeitung Aufklärung versprach. Die Geschwindigkeit, mit der nach unten gewetzt wurde, war an Donnerstagmorgenden nach Europapokalspielen noch einmal ein paar Prozent höher, so wie auch die Motivation von Spielern im Europapokalspielen ein paar Prozent höher ist. War der samstägliche Spieltag erst vorbei, wurden Zeitungsausschnitte angefertigt, die entweder interessante Spielberichte (Highlight ist mein Ausschnitt vom legendären 2. Relegationsspiel Scheiße BVB-Fortuna Köln) oder Fotos, auf jeden Fall aber den Tabellenstand beinhalteten. Und diesen Ausschnitt konnte man dann die ganze Woche über studieren. Nun kann Pascal naturgemäß während der Radiokonferenz nicht zu Hause sitzen und Tabellen malen oder studieren, da er sich auf der Ersatzbank im Stadion die ganze Zeit fragt, wie nochmal der Name der gegnerischen Mannschaft war und ob es jetzt 2 oder 3 Punkte für einen Sieg gäbe, aber eins ist somit klar: Pascal besitzt weder Internet, noch würde er meine Flaschenpost erhalten noch hat er eine Zeitung, aus der er etwas ausschneiden kann. Dann frage ich mich aber: was macht er denn mit dem vielen Geld, das er zweifelsohne in Leverkusen jeden Monat bekommt? Immer nur teure Autos kaufen halte ich für gefährlich, denn in der zweiten Liga wird er die nicht mehr finanzieren können. Und man weiß ja, dass bei keinem anderen Gegenstand der Wertverlust durch das Verstreichen von Zeit so hoch ist wie bei Autos (von Ausnahmen wie Atom-U-Booten oder Nachrichten von gestern einmal abgesehen). Und dann ist der arme Pascal irgendwann noch genötigt, sich nach einem anderen Arbeitgeber (in der 1. Liga?) umzuschauen. Er wird aber kaum Möglichkeiten finden, sich zu bewerben, da er weder weiß, wer sonst noch in der 1. Liga spielt, noch wo man die Kontaktadressen her bekommt.
Es erweckt irgendwie den Anschein, als sei es Pascal (und er steht sicher nur exemplarisch für viele andere Profis) nicht nur nicht so wichtig, ob er absteigt, sondern auch, ob er 9. oder 13. in der Liga wird. Ich denke, das ist den meisten Fans aber überhaupt nicht egal und sie würden auch wissen, wo sie sich über den Tabellenstand informieren können. Ich kenne sehr gut das Gefühl, wenn ich von einem Ergebnis wie sagen wir mal Rot-Weiß Essen - Eintracht Frankfurt 1-8 höre, der Enttäuschung, innerlichen Verkrampfung und ohnmächtiger Wut über den Fußballgott. Denn natürlich ist mir klar, was das für Auswirkungen für meinen Verein hat oder haben könnte, auch wenn er gar nicht selbst gespielt hat.
Ich zitierte ja schon Felix Magath, der sagte, dass seine Spieler mehr Bücher lesen sollen, ich würde empfehlen, für den Anfang reichte schon die Zeitung. Kann man nicht - ich sehe ja ein, dass der gemeine Mensch nicht so internetaffin ist, wie wir es sind - einfach die Tabelle für jeden Spieler kopieren und morgens in den Spind legen? Vielleicht noch den eigenen Verein mit Textmarker anstreichen... dann hätte Pascal sich nicht so blamieren müssen in der Pressekonferenz. Überhaupt dachte ich, dass jeder, der vors Mikro treten darf bei einer Pressekonferenz, erstmal (neudeutsch) gebrieft wird. Scheint selbst im ansonsten gut organisierten Leverkusen nicht der Fall zu sein. Desillusionierung at its best, man glaubt es kaum. Schließen will ich diesen Beitrag mit Thorsten Frings' Antwort auf die Frage, wie viele Stunden er pro Woche im Internet sei: "So etwas interessiert mich nicht."
Rumms.
Stig
* hier Ereignisse einfügen, die einem zeitlich sehr weit entfernt erscheinen, z. B.
- bis Loddamaddäus eine Frau findet (und kein Mädchen)
- bis die Schiedsrichter passives Abseits einheitlich auslegen
- bis es keine vor Debilität strotzenden Fangesänge mehr gibt
- bis Schottland sich wieder für ein großes Turnier qualifiziert
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