10.06.2004 Mit breiter Brust nach Portugal ziehen

Die Vorbereitungsspiele sind also beendet. Besser gesagt, vom entnervten Deutschlandanhänger weitestgehend schadlos überstanden worden. Wenn man von den tiefen Furchen an der Stirnhöhle, hervorgerufen durch beherzte Kopfstöße gegen die Rehgipswand, einmal absieht.
„Mit breiter Brust nach Portugal ziehen" war der tollkühne Plan des Teamchefs. Die Brust, mit freundlicher Unterstützung des Malteser Hilfsdiensts kurzfristig angeschwollen, war jedoch spätestens nach der desaströsen 0:2-Heimniederlage gegen die mit ca. 35 Spielern ersatzgeschwächte C-Mannschaft der Ungarn wieder zu einem kümmerlichen Hühnerbrüstchen zusammengeschrumpft. Selbst größten Optimisten, Frohnaturen und Schönsehern dürfte angesichts der zuletzt gezeigten Darbietungen von Rudis Reste Rampe einleuchten, dass die Wahrscheinlichkeit des EM-Titels den Chancen auf eine Bundesliga-Saison ohne Trainerwechsel ziemlich nahe kommt.

„Rudi, wir haben Angst uns zu blamieren", verkündete die Zeitung mit den großen Buchstaben neulich. Wenn es um die Empfindungen der breiten Masse geht, kann dem Boulevard schließlich keiner was vormachen. Und auch hier muss ihm Recht geben werden. Die Furcht scheint ein paar Tage vor EM-Beginn fühlbar zu sein. Wer genau aufmerkt, kann sie sogar sehen. So entdeckt man Menschen, die ihre stolz erworbene Deutschlandfahne wieder verstohlen in den Schrank packen, Kinder, die statt Ballacktrikot lieber im grün-weißen Brasilien-Jersey beim örtlichen Bolzplatz-Turnier auflaufen und frustrierte Männer, die neben die Partie Deutschland gegen Holland auf ihrem Tippzettel beschämt eine kleine 2 setzen. Die Liste ist endlos fortführbar. Die Sache ist erledigt. Zu 100 % gegessen. Nach einhelliger Meinung wird der Portugaltrip in einem unfassbar-fürchterlichen Debakel enden, von dem sich der Deutsche Fußball auch in 50 Jahren nicht mehr erho….. mmmhh… Deutscher Fußball… Deutsch…. da war doch noch was. Tugenden!! Richtig! Und zwar nicht irgendwelche. Nein, die Deutschen. Das ist es, worauf es ankommt. Wie konnte das vergessen werden? Wir haben doch einen Trumpf, den letzten Strohhalm von 80 Millionen Bundesbürgern, diesen vertrauten, hoffnungsvollen, ja glücksverheißenden Joker im Gepäck.
Im Turnier, da zählen keine Länderspieltests, keine Schönspielerei, kein Hacke-Spitze-1,2,3. Wen interessiert ein individuell-künstlerischer Sturm, wen juckt ein technisch beschlagenes Mittelfeld, wen kratzt eine taktikgeschulte Abwehr? Genau, absolut niemanden! Elf Fighter, Grätscher, Grasfresser - darauf kommt es an. Das nackte Ergebnis ist das, was zählt. Wir werden sie auspacken, unsere Stärke, wir werden die Gegner bekämpfen, wir werden siegen – Wir werden Europameister. Vollkommen sicher! Hurra!!!!!

……aua, mein Kopf……

Autor:
Jan D.
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