10.07.2004 Der Fußball als "Event", der Fan als Goldesel

Seit einigen Jahren schon geistert dieses geflügelte Wort durch die wunderbare Welt der Freizeit. Das „Event". Diese aus dem englisch stammende Vokabel ist schlicht mit „Ereignis" zu übersetzen und mutet im Deutschen dann schon weit weniger spannend an. Die Unterhaltungsbranche wählt also das fremde Wort, um nebulös etwas ganz Tolles anzudeuten. Was mag das wohl für ein „Event" sein? Ein Rockkonzert vielleicht, eine Ausstellung, Straßenfest, eine Erstaufführung oder ein Fußballspiel.

Eine Veranstaltung jedenfalls, zu der Besucher hingehen, um sich unterhalten zu lassen. Und dieser Spaß wird in der heutigen Zeit nett verpackt; mit Popmusik unterlegt, mit einem Slogan beworben und über den grünen Klee gelobt, um was? Genau. Um mehr Zuschauer anzulocken und gleichzeitig höhere Eintrittspreise nehmen zu können.

In Hannover wird bald das Stadion fertig sein, knapp fünf Monate wird es noch dauern. Die Kartenpreise für die nächste Saison stehen bereits seit vielen Wochen fest und lassen mich schon ebenso lange grübeln. Denn mit dem Verstand kann ich es immer noch fassen, was sich da in den letzten drei Jahren alles verändert hat.

Rückblick: In der Aufstiegssaison, die nun vor drei Jahren begann, ging ich regelmäßig ins Stadion. Es war ein netter Spaß, das Rangnick-Team gewann immer hoch seine Heimspiele und mit 20 Mark für eine unüberdachte Sitzplatzkarte auf Höhe der Mittellinie war der Preis auch noch im Rahmen.

Künftig wird der gleiche Platz für mich 20 Euro kosten. Vorausgesetzt, ich ergattere eine der wenigen ermäßigten Karten – der reguläre Preis liegt bei 36 Euro (70 Mark für alle, die sich immer noch nicht ganz umgestellt haben). Okay, der Klub ist nicht mehr in der zweiten Liga, darüber freue ich mich wie kein anderer und das soll auch an der Kasse honoriert werden. Selbstverständlich ist das Stadion dann neu hergerichtet, was ja auch Geld kostet und mehr Komfort bringt. Aber bei einer Verdopplung bzw. Verdreieinhalbfachung der Ticketpreise sehe ich den Bogen überspannt. Auch wenn man die Vergangenheit ruhen läßt – im Vergleich zu manch anderen Freizeitangeboten am Wochenende ist der Besuch eines schnöden Fußballspieles zu einem unglaublich teuren Spaß geworden.

Und jetzt kommt wieder der Werbetrick. Das nette Verpacken, mit Popmusik, Slogan und Sprüchen. Im Stadion wird man pausenlos mit belangloser Lautsprechermusik beschallt. Man kann sich nicht mehr vernünftig unterhalten und der Fanblock kann sich nicht mehr mit Gesängen einstimmen. Man müsse der Tatsache Rechnung tragen, daß der Komfort im Stadion gestiegen sei, so seien zum Beispiel alle Plätze überdacht. Richtig! Ergo kann man sich auch nicht mehr auf „billige Plätze" flüchten. Für die Nordkurve wurde das Versprechen eingelöst, die Preise nach den Umbaumaßnahmen wieder zu senken. Offenbar, weil der harte Fankern sich am lautesten beschwert hatte.

In meiner Enttäuschung suchte ich Trost auf den Internetseiten anderer Bundesligisten. Mein Erstaunen wuchs, da ich etwa in Hamburg oder Gelsenkirchen auch auf Wucherpreise gestoßen bin. Solange man sich mit dem miesesten Platz in der Ecke zufrieden gibt, ist das Preisniveau okay. Aber wehe, man möchte auch was aus einer vernünftigen Perspektive sehen: Da wird der Goldesel geschröpft. Die dritte Tatsache, die mich verwundert, ist die, daß die Zuschauer das Spielchen mitmachen; in der letzten Saison stellte die Bundesliga einen neuen Besucherrekord auf, über 35.000 Menschen haben im Schnitt jedes Spiel gesehen. Respekt. Anscheinend wird es bei vielen funktioniert haben zu sagen: Das Stadion ist eine Attraktion, der neue Stürmer eine Bereicherung und überhaupt – die Bundesliga ist ein „Event".

Wenn’s mal so wär‘. Man schaue sich mal im Fernsehen die Spielberichte aus England, Spanien oder Italien an. Spielzüge, Doppelpässe, Flankenläufe und Torschüsse wie sie in der Bundesliga fehlen. In Wirklichkeit gibt es in Deutschland hauptsächlich Rumpelfußball. Wer kann schon beidfüßig passen, den Ball sauber beherrschen, wer kann den Spielrhythmus bestimmen oder volley ins Tor treffen? Eben. Außerdem kassieren die Vereine noch immer einen Haufen Geld vom Fernsehen, bekleben jeden Quadratzentimeter mit Reklame, vermarkten alles von der Limonade bis zum Schuh, sie vergeben sogar den Stadionnamen – alleine was für eine Idee, einen Namen zu verkaufen. Das ist schierer Wahnsinn. Zeitgleich steigen auch die Eintrittspreise.

Die Klubs müssen ganz stark aufpassen, daß sie den Bogen nicht überspannen! Das Spiel ist faszinierend, man hat sich mit dem Herzen einem Verein angeschlossen, verbringt einen Nachmittag mit und unter Freunden und auch das Getränk schmeckt beim Fußball viel besser als sonst. Aber alle, die ihr Geld nur einmal ausgeben können (und das dürfte die meisten betreffen), werden sich in Zukunft überlegen, ob sie es weiterhin so oft an der Stadionkasse tun werden.

Der Ausweg ist ganz einfach: Vereine, gebt weniger aus, dann müßt Ihr auch weniger eintreiben! Sorry, Profis. aber unter diesen Umständen werdet Ihr noch auf etwas mehr verzichten müssen. Die Verträge müssen noch erfolgsabhängiger gestaltet werden, damit die Vereine nicht vor dem Ruin stehen, wenn der Abstieg droht (Kaiserslautern) oder gar nur der Einzug in die Champions-League verpaßt wurde (Dortmund). Aber es wird sicher nicht so weit kommen, daß die besten unter Euch nach ihrer Karriere auch noch arbeiten müßten...

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Autor:
Pokalheld
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