29.05.2001 Mannheim in der ersten Liga? – Ha ha ha!

Die Zeit der tiefen fußballerischen Trostlosigkeit ist über unser Land hereingebrochen. Die angehimmelten Stars sind in den Urlaub abgedüst, die Fans bleiben beschäftigungslos zurück, die Stadien sind verwaist und das städtische Grünamt wird wieder jede Rasenfläche in und um Mainz bis kurz nach Saisonbeginn sperren, man kennt das ja mittlerweile zur Genüge. Was will man also anderes tun, als noch einmal die gesamte Saison in all ihren Auswirkungen Revue passieren zu lassen? Was ist eigentlich in den vergangenen Monaten passiert?

Nun ja, Bayern München ist wieder mal Meister geworden, obwohl gewisse Mitarbeiter von premiere world zwischenzeitlich schon die Schalker auf den Thron gehievt hatten. Da dieses Thema jedoch jedem Fußballfan (die Anhänger des FCB werden bekanntermaßen nicht als "Fans" bezeichnet) Schmerzen bereitet, gehen wir auf diese unwichtige Randerscheinung nicht näher ein.
Dann gab es da noch eine sogenannte Championsleague, dessen Sieger zufällig auch Bayern München heißt. Die Auswirkungen des Finales waren erschütternd: nach dessen Ende konnte ein nicht näher bezeichneter Bayern-Sympathisant nicht mehr an sich halten und veröffentlichte im Blutgrätsche-Stammtisch stundenlang Postings, die nur aus je einem Buchstaben bestanden, und nannte dies Choreographie. Ist es mit unserer Gesellschaft tatsächlich schon so weit gekommen?
Das Finale war übrigens für den Gastautoren in dieser Saison das erste Spiel eines europäischen Wettbewerbes, das er in Auszügen mitverfolgte. Was will man auch machen, wenn auf einem Polterabend im Hintergrund das Spiel in der Glotze läuft. Gut, man könnte sich während der Übertragung sinnvollen Betätigungen zuwenden wie z.B. dem Grölen von 05er-Liedern, was denn auch ausgiebig getan wurde. Womit wir wie zufällig beim Wesentlichen in unser aller Leben angelangt wären, den Nullfünfern.

Was hatte man sich vor Beginn der Saison vom Weltmann René Vandereycken versprochen, der die Mannschaft verjüngen und attraktiven Fußball bieten wollte. In der Tat hielt er an den jungen Spielern Manuel Friedrich, Sandro Schwarz und Michael Thurk fest, die sich später auch unter den Nachfolgetrainern etabliert haben. Insofern hatte rückwirkend betrachtet seine Amtszeit tatsächlich auch ihr Gutes. Ansonsten erinnert nur noch der Bademantel in der Kabine an Vandereycken, den Schatzmeister mögen zusätzlich die wohl immer noch laufenden monatlichen Gehaltszahlungen an ihn erinnern.
Nicht gerade die beste Wahl als Nachfolger war der hauptamtliche Spieleschönreder Ecki Krautzun, dessen Punkteausbeute im Endeffekt noch katastrophaler war als die seines Vorgängers, was natürlich jeder Fan schon im Voraus gewusst und im damals frisch geöffneten 05-Guestbook kundgetan hatte. Platz 17 mit fünf Punkten Rückstand auf das rettende Ufer waren Ausdruck seiner Regentschaft. Sein Fazit: "So muss man in der 2.Liga spielen!"
Zu diesem Zeitpunkt wurde im Vorstand die beste Idee seit langem geboren, und man machte mit Jürgen "heiß wie Frittenfett" Klopp (oder Jürgen "drei Fouls – ein Tor" Klopp?) einen Mann aus den eigenen Reihen zum Chefe. Unter seiner Führung konnte das Team nicht nur mit 21 Punkten aus 12 Spielen den Klassenerhalt sichern, sondern seit langem endlich wieder richtig guten Fußball zeigen.
Leider hat sich letzteres nicht zu besonders vielen Mainzer Bürgern herumgesprochen, denn zum 2:2 im letzten Heimspiel gegen Ahlen, mit dem man den Klassenerhalt endgültig unter Dach und Fach brachte, fanden sich trotz der nicht fehlenden Brisanz gerade mal 6200 Zuschauer am Bruchweg ein. Der alt hergebrachte Vorstands-Slogan "Jeder soll noch einen Freund oder die Oma mitbringen!" ist mittlerweile doch etwas angestaubt. Es wird überdeutlich, dass nach Jahren der nicht-existenten Öffentlichkeitsarbeit endlich ein paar Gedanken über neue Formen des Marketings fällig sind. Man ruht sich heute offenbar immer noch auf dem aus, was in der Ära Frank aufgebaut wurde. Ob sich nach der im Gange befindlichen Umstrukturierung des Vorstands endlich mal etwas tut? Es wäre dringendst nötig!

Wenigstens konnte man nach dem gesicherten Klassenerhalt beruhigt nach Mannheim fahren und anschließend auf der Rückfahrt auf einem Köln-Düsseldorfer-Pott ausgiebig feiern. Da diese Fahrt mit 20 DM wieder unverschämt billig war, kamen sogar 1650 Mitreisende zusammen. Aber das kennt man ja...
Gehen wir kurz auf das Spiel ein: die Nullfünfer haben in Mannheim recht gut gespielt. Nach der Mannheimer Anfangsoffensive kamen die Mainzer zu mehreren aussichtsreichen Chancen, was sich auch nach dem glücklichen 1:0 nicht änderte. Man fragte sich eigentlich nur noch, wie lange es bis zum Ausgleich und dem Zusammenbrechen der Waldhofbuben dauern würde, da fiel nach gut einer Stunde aus heiterem Himmel durch einen Konter das 2:0. Danach war das Spiel leider mehr oder weniger gelaufen.
Tja, die Mannheimer wollten eigentlich aufsteigen, nur zu dumm, dass zeitgleich der heilige St.Pauli in Nürnberg gewann. Zwischenzeitlich jubelten die Mannheimer sogar über die vermeintliche 2:1-Führung der Nürnberger, doch das muss eine der mittlerweile wohlbekannten Fehlinformationen von premiere world gewesen sein. Mensch, da fühlt man sich erst als Aufsteiger und dann diese Ernüchterung. Das muss wirklich ärgerlich für den durchschnittlichen Waldhof-Hool gewesen sein.
Doch ebendiese wurden trotz des vepassten Aufstiegs nach dem Spiel aus ihrem Käfig auf den Rasen gelassen, auf dem sich die Buben gerade noch von uns verabschiedeten. Trotz des 4:0-Sieges kamen die wildgewordenen Hohlroller über das Spielfeld gerannt und posierten mittelfingerreckend und gestenreich vor dem Mainzer Fanblock, der jedoch von einem breiten Grüngürtel ausreichend geschützt war. In dieser Situation wurde das gesamte Potenzial sichtbar, das in den Mannheimern schlummert: Gewaltpotenzial.
Aber wieso wurden die Hools eigentlich wild? Weil wir nicht mehr als 4 Gegentore kassiert haben? Oder weil unsere Buben unfähig waren, sie abzuschießen? Mussten wir für die Niederlage der Nürnberger herhalten? Oder waren es vielleicht die "St.Pauli-Rufe", die ihren zarten Seelen Schmerzen bereitet hatten? Es scheint wohl letzteres gewesen zu sein, orientiert man sich am Stadionsprecher, der nach dem Schlusspfiff die 05-Fans aufforderte, ihre Provokationen zu unterlassen. Diese bösen, bösen Mainzer...
Ich will nicht verschweigen, dass leider auch beschämend viele 05-Fans kein höheres Niveau als die Mannheimer Hools zeigten und die Stinkefinger in die Luft reckten, eine Geste, die immer den Eindruck des Fehlens geeigneter höherer Ausdrucksformen und einer fehlenden Kontrolle über sich selbst vermittelt.

Wie dem auch sei, die meisten Mainzer kamen wohlbehalten am KD-Schiffchen an, wenngleich Vereinzelte sich einer besonders aufmerksamen Polizeiüberwachung erfreuten. Andere Fangruppen stürzten die Mannheimer Bürger in grenzenlose Verwunderung, denn diese hatten wahrscheinlich noch nie zuvor im Monat Mai Hunderte von Menschen "Helau"-rufend durch die Straßen ziehen gesehen, schon gar nicht nach einer 0:4-Niederlage.
Im Endeffekt kamen 1650 Fans zusammen, die gemeinsam mit der Mannschaft, dem Trainer Jürgen Klopp, dem Vorstand und dem "besten Stadionsprecher der Liga" den Klassenerhalt feierten. Kloppo spazierte übrigens immer wieder gerne mit Bierglas und Fluppe durch die Menge. Aber Jürgen! Willst Du damit etwa ein Vorbild für die Jugend sein? Daran muss aber noch gearbeitet werden!
Für etwa zehn Spieler war das des Feierns noch nicht genug, denn sie machten sich anschließend gemeinsam gen Ballermann auf, um sich dort endgültig die Kante zu geben. Sie haben diese Tour zum Glück überlebt, denn mittlerweile wurden sie wieder unversehrt vom Gelenkbus Svenni Demandt nach Hause gebracht, der nun seine Kickschuhe an den Nagel hängt, dem Verein aber zum Glück im Management erhalten bleibt.

Damit sind wir beim Thema der personellen Veränderungen angelangt, die in der jetzigen Zeit im Profifußball wieder ohne Unterlass getätigt werden. Bei den Mainzern geht es jedoch in dieser Hinsicht ziemlich ruhig zu. Kloppo hat bisher lediglich mit Niclas Weiland von TB Berlin den gewünschten Nachfolger für den nach Hannover wechselnden Thorsten Nehrbauer gefunden und sucht nur noch einen Stürmer und einen defensiven Linksfuß. Der Stürmer wird deswegen gebraucht, weil neben dem Kühlschrank auch Sammy Ipoua nicht mehr zur Menge der Nullfünfstürmer gehört, denn dieser erschien letztens einfach nicht zum Training, weil er sich bei 1860 zu einem Probetraining vorstellen wollte, was in einer fristlosen Kündigung resultierte.
Andererseits besteht Hoffnung, dass Andrej Voronin langsam seinen Durchbruch schafft, und während der Saison wurde mit Blaise N’Kufo bereits ein Stürmer verpflichtet, der wie eine Bombe eingeschlagen hat. Da außerdem der ebenfalls während der Saison gekommene Christoph Babatz seine Aufgabe hervorragend erfüllt hat, sieht Kloppo momentan keine absolute Notwendigkeit zu Neuverpflichtungen. Man darf gespannt sein, wen man in der Sommerpause trotzdem noch aus dem Hut zaubert.

Kommen wir zum Abschluss noch kurz zu einem Thema, das ich hier schon lange nicht mehr behandelt habe, der Stadionfrage. Man hat in den Gazetten und Meinungsbildungsorganen schon lange keine neuen Ergebnisse mehr zu diesem Thema verbreitet. Fortschritte gibt es irgendwie nicht zu vermelden. Viel mehr las man nun, dass das Land (für unsere zufälligen Nürnberger Leser: Rheinland-Pfalz, nicht Hessen) 42,5 Millionen für den Ausbau des Fritz-Walter-Stadions zum WM-Stadion springen lässt, für den Bruchweg aber keinen Pfennig. Harald Strutz hat sich natürlich sofort darüber beschwert und ist einem gewissen Klaus Hammer, seines Zeichens SPD-Fraktionsvorsitzender, und unserem altbekannten Schachfreund Beutel an den Karren gefahren. "Er hat mal wieder geschlafen. Beutel sollte sich einmal seine 05-Mitgliedschaft überlegen." polterte Harry. Klar, die Nullfünfer haben ja genug Mitglieder und Zuschauer. Da kann man es sich schon erlauben zu selektieren, wer dem Verein gewogen sein darf und wer nicht.
Hammers Antwort ließ nicht lange auf sich warten: "Strutz weiß genau, dass die Millionen des Landes für das Stadion des FCK ... Mittel der Wirtschaftsförderung sind, die Mainz nicht erhalten kann, weil es der Landeshauptstadt im Gegensatz zu Kaiserslautern wirtschaftlich besser geht." Da dieses Zitat aus der Mainzer Rheinzeitung geklaut ist, muss es ja wohl stimmen.
Und was lernen wir daraus? Wenn es darum geht, den Lauterern Geld in ihr Stadion zu blasen, findet man immer einen Topf, aus dem man das kurzerhand rausnehmen kann. Und außerdem wird einem wieder deutlich vor Augen geführt: Lautern ist wirtschaftlicher Almosenempfänger, ein Niemandsland, eine Einöde, eine Wüste. Gäbe es dort nicht den Betze, würde kaum jemand diese Gemeinde kennen. In Mainz hingegebn gibt es alles, was das Herz begehrt: man hat den Dom, den Landtag, das Schloss, man hat einen Cinestar-Kommerztempel mit 630-Mark-Jobs en masse, man hat mindestens zwei Minigolfanlagen, man hat Pizza Pepe, man hat... nun ja, für ne richtig gute Eisdiele muss man sich dann doch ins Umland begeben, oder hat jemand nen heißen Tipp? Ach ja, und man hat jährlich ein kostenloses SWR3-OpenAir-Festival mit mehr Hits und mehr Kicks.
Klar, dass man dann in Kaiserslautern zum Ausgleichen der fehlenden Kicks wenigstens den Fußball unterstützt. Ja, man muss das alles nur mal richtig logisch betrachten, dann wird alles klitzeklar. Und damit möchte ich für diese Saison schließen.

Alla tschej, nix für ungut
Dirkimops

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Autor:
Dirkimops
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