19.12.2005 Erich Honecker und Helge Schneider
Mittwochsabends um 18 Uhr ist nicht unbedingt die beste Anstoßzeit für jemanden, der zu jedem Heimspiel eine Strecke von ca. 100 km hin und zurück zu bewältigen hat. Meine letzte Rettung waren ein Fanbus und meine Großeltern.
So hatte ich das Vergnügen, bei schöner Volksmusik von SR3 im Beisammensein meiner Großeltern 30 km meiner Fahrt zu verbringen. Meine Großeltern sind in solchen Situationen hilfsbereite, aber auch immer neugierige Leute. Die Fragen fingen an:
Opa M.:"Mennschde se paggen's noch?"
Ich:"Wenn se heute net gewinnen, nimme!"
Opa M.:"Gell nää?"
Ich:"Nää."
Dann über den Gegner:
Oma M.:"Gell die Dresdener sinn schlimme Schläger?"
Ich:"Jo Omma, es gibt bei jedem Verein Schläger, aach bei Saarbrigge. Schlimmer sinn so Chaoten, die mache eher was im Stadion."
Oma M.:"Aaaaaaaasoo."
Die Fankneipe war erreicht. Noch einmal winken und auf in den Zigarettenqualm. Ich trank als überzeugter Antialkoholiker (dafür werde ich von vielen Leuten als verrückt abgestempelt, was ich keinem so recht verübeln kann) noch einen Sprudel und irgendwann kam dann der "Oldies-Fanexpress" an. Um einiges billiger als mit dem Zug ging die Fahrt Richtung Ludwigspark weiter. Gut eine 3/4-Stunde vor dem Spiel kam man dann an.
Nach einigen Wochen Abstinenz kehrte ich wieder in den Fanblock zurück und traf auch direkt altbekannte Gesichter. Alles treue FCS-Fans, die das Spiel des Tabellenletzten gegen den Drittletzten dem Helge Schneider-Konzert in der benachbarten Saarlandhalle vorgezogen hatten. Für viele wohl ein schlechter Nachholtermin und ich hätte mir den Meister auch gerne angesehen, aber was tut man nicht alles für seinen Verein?
Die Gastspiele von ostdeutschen Vereinen, insbesondere Dresden, sind immer wieder Highlights für Freunde der Fangesänge. Neben dem alten Klassiker "40 Jahre DDR" gibt es da noch den Fangesang, den im Moment nur die FCS-Fans als die Einzigen im Profifußball anstimmen können:
"ERICH WAR EIN SAARLÄNDER!"
Das Spiel ist übrigens schnell erzählt, es fiel ein Tor, noch eins, dann wieder eins usw. und am Ende stand ein 5:1 zu buche. Der erste Heimsieg seit 8 Monaten. Endlich durfte ich mal wieder live feiern und nicht vor dem Internetliveticker.
Nach der Wiederankunft vor der Fankneipe wartete auch schon der Kleinwagen meiner Großeltern auf mich. Hier einige Auszüge aus den folgenden Dialogen:
(Noch vor dem Auto)
Oma M.:"Unn? Hanna gewunn?"
Ich (hatte das schon geahnt): "Näää, verlor."
Opa M. (aus dem Auto): "Mir hann's doch im Radio geheert!"
Oma M.: "War's e scheen Spiel?"
Ich: "Jooo."
später:
Ich:"Bin ich froh, dass ich doch net uff's Helge Schneider-Konzert gang bin."
Oma M.: "Helge wer? Wer issen das?"
Opa M.: "Oooch, dass is der ähne Fratzemacher do."
Oma M.(leicht irritiert): "Is dat net der ähne mit de viele Freundschaftsarmbändcher?"
Ich (unterdrücke ein großes Lachen): "Näää. Das is de Wolfgang Petry."
Opa M.: "Ooooch nääää Otti, das is der ähne Fratzemacher do. Ich zeisch ne da mol, der is immer im RTL."
Irgendwann war auch mal dieser Tag zuende. Aber er wird mir immer, wie diese denkwürdige Autofahrt, in Erinnerung bleiben.
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