06.06.2003 Sommerpause

Freie Zeit ohne Ende. Wochenenden ohne Sinn. Nichts ist schlimmer als Sommerpause.

Sommerpause ist eine Spielpause im Monat Juni/Juli. So einfach erscheint es, schlägt man gängige Fußball-Lexika nach. In Wahrheit jedoch bedeutet Sommerpause viel mehr: Leid, Sehnsucht und unendliches Warten.
Am Anfang der sich schier endlos hinziehenden Zeit sind wir noch frohen Mutes. Eine schlechte Saison war es. Zum Glück ist sie jetzt endlich (!) zu Ende. Pokalfinale und Nationalmannschaft interessieren nur am Rande. Die ersten drei Tage bekommt der Fußball auch in den Köpfen Sommerpause.
Danach fängt es langsam wieder an. Dieses Gefühl. Kurz am Kiosk den kicker eingesteckt. Radtke nach Bielefeld. Gerber von St. Pauli nach Mainz. In langen und viel zu heißen Mittagspausen entwerfen wir erste Mannschaftsaufstellungen auf der Serviette. Als der Kuli anfängt zu streiken während wir die Laufwege der Stürmer mit Pfeilen kennzeichnen wollen, schnellt unser Blick hoch, in der Hoffnung nicht entdeckt wurden zu sein.
Das Wochenende naht. Schnell rufen wir ein paar alte Freunde an, die wir das letzte Mal kurz vor Beginn der Rückrunde trafen. In Gesprächen scheint es, als leben sie mittlerweile völlig entfernt von einem selbst. Niemand stellt sich existenzielle Fragen um St. Pauli. Keiner, der das "Europa – Wir kommen" T-Shirt der Stuttgarter heimlich unter seinem lässig gestreiften Hemd trägt.
Und dann trifft sie uns ohne Vorwarnung und mitten ins Herz. Die endlose Leere an den Samstagnachmittagen. So sitzen wir im Auswärtstrikot unseres Lieblingsclubs von 1994/95 am Küchentisch und wälzen dicke Bücher. Fußballenzyklopädien, Fußballweltgeschichte, Fußballstars. Als die Sehnsucht fast unerträglich zu werden beginnt, werfen wir alte selbstaufgenommene Bänder in den Videorekorder. Wir freuen uns wenn wir noch einmal sehen, mit welcher Wucht der später zum Fehleinkauf abgestempelte Wunderstürmer im ersten Saisonspiel den gegnerischen Keeper per Seitfallzieher überwindet. Nichts ist für die Ewigkeit.
Nachts wachen wir auf. Viel Zeit zum Schlafen sind wir einfach nicht gewöhnt. Wie oft ging der Sonderzug zum Auswärtsspiel schon um vier Uhr in der Früh. Um die Zeit zu überbrücken surfen wir im Internet. Potentielle Neuzugänge werden analysiert und per Steckbrief ins Vereinsforum gestellt. Im Hintergrund läuft eine beliebige CD mit den besten Hörfunkaufnahmen von Günther Koch.
Sonntag Morgen holen wir hastig die Sonntagszeitung in der Hoffnung wenigstens fünf Zeilen über unseren Club zu finden. Wieder nichts. Zur Ablenkung schauen wir auf dsf die Bundesliga-Classics. Es sind die Bayern-Classics. Das Gefühl des schmerzlichen Leids verstärkt sich.
In der folgenden Zeit lernen wir die Vorbereitungstermine unseres Teams auswendig. Dazu zählen wir Abend für Abend alle Spieler der letzten fünf Jahre auf. Vor dem Einschlafen.
Doch auch am Morgen danach ist noch Sommerpause. Und weitere Tage voller Leid, Sehnsucht und endlosem Warten.

PS. Damit verabschiedet sich auch der Autor in die Sommerpause. Oder vielleicht in die unbarmherzigste Zeit des Jahres?

nächster Beitrach in der Rubrik Neunmeterfünfzehn:
27.05.2003 Warten auf Cacau von Ricky Wichum
nächster Beitrach von Ricky Wichum:
31.05.2003 Chaostage am Steigerwald in der Rubrik RW Erfurt
Autor:
rickynio
Anmerkungen? Kritik?
Ab ins Forum