19.12.2005 Nachruf
Jetzt hat es ihn erwischt. Ralf Rangnix ist nicht mehr Trainer des FC Schalke 04.
Drei Tage nach der tränenreichen Ankündigung seinen Vertrag nicht zu verlängern, tappte er dem Schalker Mob in die Falle und ließ sich in eine Ehrenrunde locken, die dem Vorstand die Möglichkeit bot, ihm den erbettelten Tritt zu geben.
Da steht er nun, wie seinerzeit General Custer, mit dem er einen fatalen Hang zur Selbstüberschätzung teilt (der verlor seinen letzten Job übrigens ohne Ehrenrunde, dafür gewann Rangnick sein letztes Match), einsam und verlassen, das letzte Hemd vom Körper gerissen, das güldene Haar im eisigen Dezemberwind wehend, umgeben von bösen Possenspielern, die ihm den im Kohlenfeuer der politischen Intrige geschmiedeten Dolch in den unzureichend gestärkten Rücken stießen.
Und sein Verlust trifft den Verein schwer. Statistiker haben herausgefunden, wäre Rangnick geblieben, hätte Schalke 04 in den nächsten 20 Jahren 24 deutsche Meistertitel geholt (in den letzten 10 Jahren jeweils mit mehr als 150 Toren ohne jeglichen Gegentreffer), 26 mal den deutschen und viermal den österreichischen Pokal, 21 mal die Champions League, dazu die II. Mannschaft jeweils den UEFA-Cup und außerdem hätte sich die A-Jugend 11 mal als UI-Cup-Sieger noch zusätzlich für Europa qualifiziert.
Anschließend hätte sich Sir Ralf (selbstverständlich hätte ihn die Queen für seine Verdienste um den Weltfußball längst geadelt) zurückgezogen und wäre nach seiner vollständigen Vergeistigung gen Himmel aufgefahren, um als Messias aller Weltreligionen in einem Strahlenkranz zurückzukehren, um der Welt bei vollständiger Elimination von Hunger, Krankheiten und Rap-Musik den ewigen Frieden zu bescheren. Nach Beendigung seiner Mission wäre er als Turnlehrer nach Backnang zurückgekehrt, um übergewichtige Jugendliche zu piesacken und hätte sich in seinem Einfamilienhäuschen dem Hobby aller Schwaben hingegeben – der Flurwoche.
Sein Abgang auf Schalke hinterlässt eine tragische Lücke, setzte er doch in seiner viel zu kurzen Zeit im Ruhrgebiet historische Meilensteine wie z.B. die Beendigung der seit gefühlten 200 Jahren niederlagenlosen Serie gegen den BVB oder die historische Pokalpleite in Frankfurt. Dabei hatte sein erstes Pokaljahr so viel versprochen, gelang es ihm doch durch geschickte Paralyse der Mannschaft nach 36 Jahren ein Pokalfinale mit königsblauer Beteiligung zu vergeigen. Mit dem Ausscheiden in der Champions-League betrat er zwar nicht Neuland, scheiterte aber knapper als vier Jahre zuvor sein, im direkten Vergleich als unscheinbar und mäßig erfolgreich geltender, Vorgänger Stevens.
Lässt man die beeindruckende Tatsache außer Acht, daß er der erste Trainer der Bundesligageschichte war, der zweimal hintereinander in Bielefeld gewinnen konnte (und wir reden hier immerhin von der Arminia) und zählt man den unverständlichen Einbruch zum Ende der Vorsaison dazu, der nur durch die Unfähigkeit der direkten Konkurrenz noch zum zweiten Platz in der Tabelle führte, erhält man eine durchaus beeindruckende sportliche Vita, die in einigen Jahrzehnten viele Schalker Anhänger dazu bringen wird zu sagen: „Rangnick? Nie gehört, wer is dat denn?"
Und man wird ihm dadurch gerecht werden. Selten hat ein Trainer aus einem hochkarätigem Sturm weniger herausgekitzelt. Beinahe legendär ist der zwischenzeitliche Sprung auf den letzten Platz der Kicker-Chancenverwertungstabelle. Aber man sagt zuwenig, geht man nur auf den Angriff ein, aus dem es Rangnick, das sollte nicht unerwähnt bleiben, gelang in der recht kurzen Zeit seines Schaffens immerhin drei bis (zählt man neben Ailton, Hanke und Delura die Nachwuchskräfte Baumjohann und Hesse mit) fünf Offensivspieler zu vertreiben, denen er die zarten Knospen der Hoffnung auf die erste Mannschaft, die ihnen Jupp Heynckes eröffnet hatte, brutal zertrat.
Und in einem Fall, dem des Badeschlappenreiters aus Amazonien, Ailton, gelang ihm sogar der Spagat zwischen Fußball- und Schullehrer und er verscheuchte einen 100-Tore-Mann auf alt hergebrachte Lehrerart – zuerst stellte er ihn in die Ecke und schließlich verwies er ihn der Schule, glücklicherweise unter Einnahme einer Ablöse. Schade, daß sich dieser Ablauf an Schulen noch nicht verbreitet hat, zumindest die Gesamt- und Hauptschulen würden in Geld schwimmen.
Aber wie gesagt, die Schuld an der Torflaute gebührt nicht allein dem Sturm, stumpte die Mannschaft, die in der Post-Heynckes-Ära deutlich an körperlicher Fitness verlor, meistens unattraktiv im Mittelfeld herum, erhob die Vermeidung jeglichen Flügelspiels zum Credo, und fand gegen defensive Gegner selten ein Mittel und gegen offensive Gegner sich meistens einem Rückstand hinterherlaufend.
Auf den ersten Blick wirkte Rangnick eher unscheinbar, ein kleiner, einfach gestrickter Volksschullehrer aus dem Schwabenland (Wir können nix, nicht mal hochdeutsch). Kennt man ihn besser, wird die Vermutung zur Gewissheit.
Der Mann ist und bleibt Lehrer mit allen Eigenschaften, die diese seltsame Lebensform aufzuweisen hat; sei es die Dogmatik seiner Aussagen, die vollständige Beleidigtheit nach jeglicher Form von Kritik, sowie die Affinität zu komplizierten Sätzen und Intelligenz suggerierenden Brillen. Aber leider macht das Tragen einer Nickelbrille und die unfallfreie Aussprache wenig bekannter Fremdwörter noch keinen Intellektuellen, selbst wenn ihm in der Frühzeit seines Schaffens von dumpfen Journalisten, die nach dem übermäßigen Zuspruch dargereichter alkoholischer Freigetränke den komplizierten Klugscheißereien nicht folgen konnten, der Beiname „Professor" verliehen wurde.
Wie schon an anderer Stelle erwähnt, Image ist alles und mit Nickelbrille und Tolstoi unter dem Arm hätte die Springerpresse selbst aus Ailton einen Intellektuellen gemacht – zumindest, solange er den Mund hält.
Der Blick geht im Emschertal nun nach vorne, wer mag der Neue sein? Rangnick ist sportlich eigentlich nicht gescheitert, im Prinzip passierte ihm das Gleiche wie seinem Vorgänger – er grätschte sich selber vom Feld, durch Dinge, die eigentlich nicht auf dem Feld passierten. Es ist als Bundesligatrainer einfach mimosenhaft unter dem zarten Rauschen im Gelsenkirchener Blätterwald bereits zusammenzubrechen, wie würde er in den Pressemetropolen Hamburg, München und Berlin zurechtkommen, und da ginge es lediglich um Lurup, Haching und TeBe.
Er hat gute Arbeit geleistet, für die man mit ihm hätte verlängern können. Wenn man Meister werden will, braucht man aber einen Trainer, der exzellente Arbeit leistet. Und dieser Trainer täte gut daran, zur rechten Zeit mit den rechten Leuten das rechte Bier zu trinken.
Gruß Abbot
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