19.11.2002 Uwe ist wieder da!

Eintracht am Tabellenende und der Klassenerhalt so unwahrscheinlich wie ein Sechser im Lotto! Also was tun als Präsident von Eintracht Braunschweig? Ganz einfach, man holt sich einen erfahren Zocker und Hütchenspieler mit Namen Reinders als neuen Trainer und schon wird der Abstieg mit ein paar Taschenspielertricks und taktischen Revolutionen doch noch vermieden.
Aber noch mal kurz von vorn der bisherige Ablauf:
Das Trainer-Denkmal Peter Vollmann, der Aufstiegstrainer, musste nach einer endlosen Niederlagenserie seinen Hut nehmen und zeigt damit wieder, wie vergänglich Erfolg und Ruhm ist. Da wurde seit dem 2. Spieltag mit den Spielern mehr geredet als trainiert, so dass man sich schon fragte, ob es sich hier um eine Männertherapiegruppe oder eine Profifußballmannschaft handelt. Kein Wunder auch, dass der Trainer immer wieder bemängelte, dass die Spieler auf dem Platz zuwenig miteinander reden, mal ehrlich, wer hat schon Bock, wenn er die ganze Woche über mit Trainer, Manager und Präsidenten unzählige Debattierrunden abhalten muss, am Wochenende auf´m Platz auch noch mit seinen Mitspielern zu quatschen. Nee, da wird schön still und leise verloren. Nach der Niederlage gegen Karlsruhe geschah, was dann immer passiert, und zwar dem Linguisten Vollmann folgte der Herr der kurzen Ansprachen Uwe Reinders, bekanntermaßen einem Glücksspiel nicht abgeneigt und genau dabei handelt es sich ja, wenn man solch eine Truppe wie Eintracht in dieser Situation übernimmt. Die Verantwortlichen in der Vereinsführung haben sich womöglich neben dem Glücksfaktor auch eindeutig auf den Nostalgiefaktor besonnen, denn der Name Reinders steht ja für eine durchaus erfolgreiche Eintracht-Epsiode Ende der Achtziger mit Spielen wie einem 5-1 auf Schalke oder einem 2-0 gegen Westpeine 95+1 oder gar Siegen in Dortmund und gegen die Lilaweißen aus Osnabrück mit dem Erreichen des Halbfinales im DFB-Pokal, dies alles Spiele, die einem richtigen Eintrachtfan das Wasser noch immer literweise in die Augen treiben! Also warum nicht, "Mach es noch einmal Uwe!"
Und wie es sich gehört, erreichte Uwe Reinders schon nach nur einer Trainingseinheit, dass sich die Eintracht vom Tabellenende entfernte ohne auch nur zu spielen, da dankenswerterweise Mannheim in Köln verlor. Was nun folgte war das Montagabendspiel auf DSF in Duisburg, und obwohl Eintracht diese Saison noch keinen Auswärtspunkt geholt hat, geschweige denn auch nur in die Nähe eines solchen Punktes kam, folgte am Montagabend das Unglaubliche, was ungefähr so wahrscheinlich war wie beim Roulette 10 Mal in Folge die richtige Zahl vorrauszusagen! Eintracht holte einen Auswärtspunkt! Einfach unglaublich. Danach setzte es zwar eine etwas unglückliche, aber doch irgendwie erwartete Heimniederlage gegen die Alemannen aus Aachen, aber auch nur um die Quoten bei Oddset für die nächsten Wochen noch höher zu treiben. Ein Uwe Reinders weiß halt wie man richtig zockt, und so gab es neben einem für unmöglich gehaltenen Auswärtspunkt für den Trainer noch eine kleine Gehaltsaufbesserung durch seinen Oddsettipp.
Man fragte sich nach diesem zweiten Unentschieden jetzt natürlich, ob Uwe Reinders schon wüsste, dass in dem Jahrzehnt, wo er nicht als Trainer gearbeitet hatte und arbeitslos war, inzwischen die "Drei-Punkte-Regel" eingeführt wurden war! Aber der Heimsieg gegen Ahlen nach dreimonatiger Erfolglosigkeit wischte diese Zweifel hinfort und tat nicht nur dem Punktekonto der Eintracht, sondern auch dem Girokonto des Trainers gut, der als Toppwette neben dem Sieg das nochmalige Erreichen eines Spieles ohne Gegentor tippte und richtig absahnte.

Nun fragt man sich natürlich wie schafft es ein Trainer so schnell aus der Schießbude der Liga eine Betonabwehr zu basteln und dieses ohne neue Zutaten (Spieler)? Es war ja auch diese anfängliche Skepsis gegenüber Reinders da, der war doch schon seit Jahren arbeitslos und raus aus dem Geschäft und neben sommerlichem Hütchenaufstellen in "Tante-Käthes-Feriencamp" hatte der doch nix mehr mit Fußball gemacht, sondern war Repräsentant (was ja nur ein besseres Wort für Vertreter ist) einer Brauerei und eines Sportartikelherstellers. Also wie hat sich dieser Mann so weitergebildet, dass er plötzlich wieder so da ist und eine solche Truppe so schnell wieder stabilisiert? Hat er sich Tipps von seinem guten Freund Rudi im Feriencamp geholt oder mit seinem Zocker und Saufkumpel Peter Neururer über Taktik gefachsimpelt? Sicher war man sich nur, dass nach dem Defensivtaktik-Verfechter Peter Vollmann nun mit dem ehemaligen Vollblutstürmer Uwe Reinders als Trainer wesentlich offensiver und risikoreicher gespielt würde. Die verblüffende Antwort ist ganz klar: nein!
Der gute Uwe hat einen Klassiker unter den deutschen Trainerliteraten auf seinem Dachboden entdeckt: "Mauern bis zum Schluß" von Rudi Gutendorf auch bekannt unter dem Namen "Riegel-Rudi" und Erfinder des 7-2-1 Systems! In seinen Büchern wie "Die Verteidigung aus Beton!", "Die Abwehrschlacht von Hamburg", "Die schönsten Grätschen dieser Welt" oder "Der Sturm ist was fürs Meer, nicht für den Fußball", in denen schon Trainer wie Huub "dieNullmußstehen" Stevens schmökerten, wird die genaue Anleitung für den Erfolg eines Teams beschrieben und während Trainer wie Stevens dieses System auch nur annährend versuchten, setzte Uwe Reinders dieses System um und verfeinerte es sogar noch zu einem 8-1-1 bei dem Spiel in Frankfurt. Denn die simple Maxime von Gutendorf, wenn so viele Spieler in der eigenen Hälfte stehen, hat der Gegner einfach keinen Platz mehr, trieb Reinders so zur Perfektion, dass die Frankfurter in der Braunschweiger Hälfte unter Platzangst litten und so nur selten in diese sich richtig reintrauten.
Wer jetzt meinte, na ja auswärts kann man so spielen, aber zuhause muss man selber das Spiel machen, wurden im folgenden Heimspiel gegen Ahlen vom "Gutendorf-Jünger" wiederum getäuscht. Uwe Reinders kündigte vor dem Spiel in der Presse an, dass die Mannschaft sicherlich offensiver spielen würde und man das Spiel 5 Meter nach vorne verlagern müsste, nur wie lange die Mannschaft dieses tun würde, sagte er natürlich nicht. Man rätselte nun also, wird Uwe mit einer Dreier- oder Viererkette in der Abwehr beginnen. Die Antwort war wieder ganz simpel: Mit beidem, zwischen der Viererkette befand sich nämlich noch eine Dreierkette, so dass die Aufstellung im Heimspiel gegen Ahlen dementsprechend offensiv mit einem klassischen 7-2-1 war, wobei der Stürmer hierbei natürlich nicht seine Defensivaufgaben vergessen durfte! Und tatsächlich verlagerte die Mannschaft das Spiel 5 Meter nach vorne, um sich dann blitzschnell wieder 10 Meter zurückzuziehen, die Ahlener, sichtlich verwirrt von dieser Taktik, wussten nun zunächst nicht mehr ob sie nun zuhause oder auswärts spielten, was ihnen sicherlich aber nach dem Blick in das gut gefüllte Stadion wieder einfiel, und waren so dermaßen durcheinander, dass sie nichts Brauchbares zuwege brachten.
Nachdem die Eintracht nun das 1-0 erzielte und nach der roten Karte gegen den Ahlener Spieler Chiquinho auch noch in Überzahl spielte, war die Mannschaft allerdings der Meinung, dass man nun mutig genug und genügend gestürmt hätte und verlagerte das Spiel nur noch 10 Meter nach hinten um es so nach Hause zu schaukeln!
Mit diesem Erfolg und den jetzt sicherlich folgenden Spielen ohne Gegentor und dem unaufhaltsamen Herauskommen der Eintracht aus dem Tabellenkeller mit Uwe Reinders als Trainer dürfte der in Vergessenheit geratene Rudi Gutendorf und seine Taktikschule wieder zu neuem, ihm entsprechenden Ruhm gelangen und das Gerede von attraktiven Fußball schnell verstummen! Es lebe der Torverhinderer, nieder mit dem Fußballzauberer!

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MitPopivoda warallesbesser
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