08.08.2002 Deutschland – Deine (kleinen) Traditionsvereine
Teil 1: Mehr als nur ein Messer - Von den Kasseler Bergen kommen wir - Eine Oktave tiefer

Im Fußball-Fachjargon redet man gerne und viel über Tradition, bzw. Traditionsvereine und deren Bedeutung für Spieler, Fans und Medien.

Gerne. Tun wir das.

Ich möchte aber bewusst nicht über solche Traditionsvereine vom Schlag eines BVB, Schalke, Effzeh Köln usw. philosophieren, sondern einmal die Klubs beleuchten, die mittlerweile im traditionellen Fußball-Nirwana verschollen sind.

Beginnen möchte ich meine Reise in der Saison 1980/81, in der damaligen 2. Bundesliga. Damals hatte diese Spielklasse ihren Namen wenigstens noch zu Recht getragen, war die Liga doch in eine Nord- und in eine Südstaffel eingeteilt.
Hier tummelten sich einige dieser sogenannten Traditionsklubs. Nur, was ist aus ihnen geworden?

Da gab es einen Verein namens SG Union Solingen (mittlerweile 1.FC Union Solingen). An die Solinger werden sich vielleicht nur noch diejenigen erinnern, die das 30. Lebensjahr schon vollendet haben. Denn, wenn man normalerweise über Solingen spricht, dann höchstens im Zusammenhang mit Schneidewerkzeugen aller Art. Wer kennt denn nicht Messer aus Solinger Qualität? Hierin ist die Stadt wohl weltweit (zumindest bei Messerkennern) bekannt. Aber das war es auch schon so ziemlich. Für alle anderen ist Solingen nicht mehr als eine normale, mittelgroße Stadt in NRW.
Ein hübsches Kleines Fußballstadion haben sie aber in Solingen. Das "Stadion am Hermann-Löns-Weg" mit seinen 16.500 Plätzen, umgeben von vielen grünen Bäumen. Irgendwie schnuckelig. Dort kickte und kickt die Union.

Die Solinger Fußballer waren in den 70er und 80er Jahren so etwas wie der VfL Bochum der 2. Liga. Irgendwie unabsteigbar. Der Verein pendelte immer im Niemandsland der Tabelle, irgendwo zwischen Platz 5 und Platz 15.
1989 erwischte es die Blau-Gelben aber dann doch und statt 2. Liga hieß die neue Spielklasse nun Oberliga Nordrhein. Doch nur als Durchgangsstation. Denn kaum in der Oberliga angekommen, mussten die Solinger eine weitere Klasse tiefer, in die Verbandsliga Mittelrhein. Dort blieben sie auch bis ins Jahr 1994.
Welch eine Freude, in Solingen wurde wieder Oberliga Fußball gespielt. Dumm nur, dass dies nur ein Jahr anhielt und kaum in der Oberliga, ging es wieder zurück nach unten.
Der Union gefiel dort nicht sonderlich. Aber irgendwie hatte man im Hermann-Löns-Weg-Stadion die Sache falsch verstanden. Denn statt dem erneuten Aufstieg in die Oberliga ging es eine weitere Etage tiefer, in die Landesliga.

Erst zum Jahrtausendwechsel schaffte die Union den Weg zurück in die Verbandsliga. Nach einem Jahr Eingewöhnungsphase nahm man das Ziel Oberliga-Aufstieg wieder fest ins Auge. Und der gelang schließlich auch in der vergangenen Saison. Mit einem beachtlichen Zuschauerschnitt von ca.2.500 Fans sind die Solinger wieder in den 4. Liga angekommen.
Bleibt zu hoffen, dass es so weiter geht. Denn schließlich gibt es im Stadion am Hermann-Löns-Weg noch 14.000 freie Plätze.

Wenn man heute in den deutschen Sportmedien über Kassel spricht, dann höchstens von den Schlittenhunden, besser bekannt unter Huskies. Nur sind die Kassel Huskies eben kein Fußball-, sondern ein Eishockeyverein.
Und überhaupt: was ist denn schon so toll an Kassel? Etwa der jahrelange Streit um eine (schließlich abgerissene) hölzerne Documenta Treppe? Etwa die Tatsache, dass es in Kassel schneit, wenn es nur wenige Kilometer nördlich, oder südlich nur sanft nieselt? Etwa die berüchtigten Kasseler Berge, die fast jeden Autofahrer an den Rand des Wahnsinns treiben, der sich die A5 Richtung Hannover quält? Oder ist es vielleicht doch der traditionsreiche Fußballverein KSV (zwischenzeitlich FC) Hessen Kassel?

Nun, Kassel ist (auch eher älteren) Fußballfans schon bekannt.
Einerseits verbindet den KSV und die Union Solingen eine innige Fanfreundschaft, andererseits stand Kassel in den 80er Jahren des öfteren auf dem Sprung in die 1. Bundesliga (geschafft haben sie es nie), und drittens hat Kassel das "Aue-Stadion", mit seinen 33.000 Plätzen eines der größten Stadien im Amateurbereich.

Nachdem Mitte der 80er Jahre der Aufstieg in die 1. Bundesliga (zwei 4. Plätze waren u.a. darunter) erfolgreich verpasst hatte, ging es 1987 erstmals nach langen Jahren zurück in die Oberliga Hessen.
Zwei Jahre dauerte das Kasseler Gastspiel auf hessischen Dorfplätzen, ehe 1989 der Wiederaufstieg in Liga 2 glückte. 34 Spiele bestritt der KSV in der 2. Liga, ehe es portwendend wieder abwärts ging.
Im darauf folgenden Jahr wurde Kassel Meister der Oberliga Hessen, verpasste aber den Aufstieg in die (wieder 2-gleisige) 2. Liga.
Als dann 94 die Regionalliga wieder zum Leben erweckt wurde, qualifizierte sich Kassel als Sechster der Oberliga für die neue Spielklasse. Was folgte, waren einige Jahre in der RL, mit durchschnittlichen Platzierungen.
Mittlerweile war aus dem KSV der FC Hessen Kassel geworden. Und eben dieser FC musste während der Runde 97/98 Konkurs anmelden. Dieser Todesstoß katapultierte die "Löwen" (ist das Wappentier) bis hinab in die A-Klasse.
Aus dem FC wurde wieder der KSV Hessen Kassel von 1998. Dieser neue Verein verbreitete im Umland wieder eine Aufbruchstimmung und innerhalb von nur 5 Jahren marschierte der Verein von der A-Klasse (bis zu 700 Rot-Weiße Fans auf den Hartplätzen der Umgebung waren keine Seltenheit) wieder in die Oberliga Hessen.

Nun gilt es sich wieder in der Oberliga zu etablieren und vielleicht in ein paar Jahren wieder oben anzugreifen. Und mit Gerd Roggensack konnte zumindest ein erfahrener und prominenter Trainer verpflichtet werden, der den Fußball auch noch aus den höheren Gefilden kennt.

In dem beschaulichen Städtchen Bayreuth residiert die dort ansässige Spielvereinigung.
Doch ist der Fußballklub längst nicht so populär wie ein gewisser Joachim Witt und erst recht nicht so bekannt wie der, 1883 verstorbene, berühmteste Sohn der Stadt, Richard Wagner.
Wenn jährlich Tausende Fans nach Bayreuth pilgern, dann nicht zu den Heimspielen der Fußballer, sondern zu den Bayreuther Festspielen. Und das, obwohl es in der Stadt ein städtisches Stadion gibt, das sich bestimmt sehr freuen würde, wenn vielleicht wenigstens die Hälfte der 21.500 Plätze wieder einmal belegt wären.

Die gelb-schwarzen Balltreter gehörten insgesamt 16 Jahre der 2. Bundesliga an und können somit guten Gewissens als Traditionsklub angesehen werden.
Die größte Erfolge der SpVgg waren zweifelsohne der Fast-Aufstieg in die 1. Liga 1979 und der 1:0 Heimsieg im DFB Pokal 1980 gegen den FC Bayern München.
Nach dem Abstieg in die Bayernliga 1982 brauchte der Verein 4 Jahre, ehe er 1986 wieder im Profifußball angekommen war. In der Saison 87/88 und 88/89 profitierte Bayreuth, obwohl sportlich abgestiegen, vom jeweiligen Lizenzentzug von Oberhausen und Offenbach.
Doch bereits ein Jahr später rettete keine Lizenzverweigerung die Wagnerstädter. Diesmal war der erneute Abstieg in die Bayernliga nicht zu vermeiden.
7 triste Jahre fristete die SpVgg nun dort. Doch statt des erhofften Aufstiegs in die 2. Liga folgte 1997 gar der Abstieg in die Landesliga.
Nachdem Bayreuth aus der Landesliga auf- und direkt wieder abgestiegen war, konnte 2001 endlich wieder der Weg in die Bayernliga angetreten werden. Nach einem 7. Platz in der letzten Saison hofft man nun in Bayreuth wieder auf bessere Zweiten und vor allem darauf, dass der Applaus des Publikums nicht einem verstorbenen Komponisten, sondern den Kickern der SpVgg gilt.

Nächste Folge: Der Frauen-Sport-Verein aus Frankfurt - Eine Blume, die nicht blühen will - Wenn der Berg ruft.

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Autor:
Thomas Brückmann
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