15.08.2002 Deutschland – Deine (kleinen) Traditionsvereine
Teil 2: Der Frauen-Sport-Verein aus Frankfurt, Eine Blume die nicht blühen will, Wenn der Berg ruft

Wenige Gehminuten vom Frankfurter Riederwald (da wo mal die Eintracht zu Hause war) liegt der "Bornheimer Hang". Jenes Stadion, das mit seinen 28.500 Plätzen den FSV Frankfurt beherbergt.
Die Tradition des FSV reicht zurück bis ins Gründungsjahr 1899, dem Jahr, in dem auch der Frankfurter Stadtrivale gegründet wurde.
Doch außer dem Gründungsjahr und der geographischen Nähe zueinander haben die beiden Vereine nicht mehr viel gemeinsam.

Der FSV galt seit jeher als so eine Art Arbeiterklub (fast so etwas wie der FC Schalke 04 des Rhein-Main Gebiets).
In den früheren Zeiten des deutschen Fußballs (während der Gau-Ligen und den späteren Regionalligen) war der FSV auch immer einen Tick besser als der Nachbar vom Riederwald.
Dies änderte sich Mitte der 50er Jahre, als die rot-schwarzen Frankfurter der Eintracht die blau-schwarzen Frankfurter des FSV sportlich überholten.

Während am Riederwald, bzw. im Waldstadion, von nun an (relativ) erfolgreich Fußball gespielt wurde, machte man am Bornheimer Hang eher eine Rolle rückwärts.
Zwar hatte der FSV immer ein recht gut besuchtes Stadion (4-10.000 Zuschauer waren bei Heimspielen an der Tagesordnung) und war bei den Fußballfans aus Frankfurt sehr beliebt, die Erfolge indes blieben aus.
Der einst so hoch eingeschätzte FSV Frankfurt war mittlerweile nur noch die 4. Kraft in Hessen. Die Konkurrenz aus Frankfurt, Darmstadt, Offenbach und Kassel hatte den Klub sportlich und in der Gunst der Fans, teilweise um Längen, überholt. Sogar der kleine Nachbar, die "Roten" von Rot-Weiß Frankfurt, spielte zeitweise höherklassig Fußball. Wenn auch meistens unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Wobei der Ausschluss der Öffentlichkeit langsam, aber sicher, auch auf den FSV zutraf. Der Verein wurde älter, seine Fans ebenso. Und wenn die, die noch auf eigenen Beinen ins Stadion gehen konnten, den "Hang" besuchten, dann waren sie unter sich, oder den Gästefans Zahlenmäßig hoffnungslos unterlegen.
Der Verein geriet finanziell in immer größere Nöte. Besonders tragisch war die DFB Pokal Auslosung der Saison 86/87, als der FSV die Bayern als Gegner zugelost bekam, seinerzeit aber das Los der Stuttgarter Kickers, im wahrsten Sinne des Wortes, unter den Tisch gefallen war.
Alle Proteste halfen nichts, denn in der Wiederholung der Auslosung bekam der FSV statt der Bayern den 1.FC Nürnberg als Gegner. Statt der erhofften 28.000 Fans gegen den Rekordmeister kamen nur ca. 3.000 gegen die Clubberer ins Stadion. Die finanziellen Einbußen waren ziemlich hoch. Als dann in der Saisonvorbereitung ein Freundschaftsspiel gegen eben jene Bayern, fast dem Regen zum Opfer fiel, kamen statt der erwarteten 10.000 nur knapp 2.000 Zuschauer an den "Hang". Damit der FSV nicht völligen Schiffbruch erlitt, verzichteten die Bayern auf 10.000 DM Gage.

Der FSV pendelte permanent zwischen der 2. Bundesliga und der Oberliga Hessen, später zwischen der Regionalliga (mit einem erneuten einjährigen Intermezzo in Liga 2) und der Oberliga.
Zwischenzeitlich war die Frauenabteilung des FSV mehrfach deutscher Pokalsieger geworden und lief den Männern den Rang ab. Kamen zu den Heimspielen der FSV-Frauen etwa 300 Zuschauer, so kamen bei den Heimspielen der Männer kaum mehr, manchmal sogar weniger als 300 Fans.
Letzte Saison wurde der Aufstieg in die RL nur verpasst, weil die Amateure der Eintracht einen Punkt mehr auf dem Konto hatten.
Auch das spätere Gerichtsprozedere zwischen der Eintracht und Unterhaching ließ u.a. auch den FSV als Verlierer zurück. So lange wie Unterhaching sich als Zweitligist fühlen durfte, durfte auch der FSV von der Regionalliga träumen. Dass nichts daraus geworden, ist ja bekannt.
Der FSV hat den Kampf aufgenommen. Der Aufstieg ist das Ziel, der Weg das Hindernis.

Die Lilie kennt man als Blume aus dem Bereich der christlichen Pfandfinderschaft, oder als Fan der New Orleans Saints. Die Lilie als Wappen eines Fußballvereins ist wohl einzigartig.
Der Club, der eben jede Pflanze auf dem Trikot trägt, ist der SV Darmstadt 98, im hessischen eher unter "die Lilien" oder "Heiner" bekannt.
Am Böllenfalltor, am Stadtrand von Darmstadt, liegt das gleichnamige Stadion. Mitten an einer Hauptverkehrsstraße gelegen, von Parkplatznot geplagt und eingerahmt von etwas Wald auf der Rück- und einer Aral Tankstelle auf der Vorderseite, finden 26.000 Fans in der Arena Platz. Hier kämpfen die Lilien nun schon seit einigen Jahren um die Rückkehr in den bezahlten Fußball. Mit mäßigem Erfolg.
Tradition hat der Verein, keine Frage. Schließlich sind die Blau-Weißen ein ganzes Jahr älter als die SGE und der FSV, zwei ihrer vier hessischen Konkurrenten.

1973 wurde Darmstadt Süddeutscher Meister und schaffte 1978 sogar den Aufstieg in die 1. Bundesliga. 1981 gelang dieses Kunststück gar ein zweites Mal, allerdings endeten beide Spielzeiten wieder mit dem direkten Abstieg.
Doch wurden zu dieser Zeit am Böllenfalltor so manche Schlachten geschlagen und selbst dem FC Bayern ein 1:1 abgerungen. Kaum zu sprechen von den heißen Derbys gegen die ungeliebten Eintachtler.
Mit niedrigem Etat und einer Mannschaft, die fast komplett aus Halbprofis bestand, spielte sich der SV98 auch in die Herzen überregionaler Fußballfans. Immerhin hat Darmstadt einen Fanclub in der Schweiz! Welcher Regionalligist kann so etwas von sich behaupten.

Den Rest der 80er und der ersten Jahre der 90er verbrachten die Lilien als festes Inventar in der 2. Bundesliga, ehe 1994 der Abstieg in die Regional- und 1998 gar in die Oberliga folgte.
Den "Ausrutscher" Oberliga konnten die Darmstädter wieder ausgleichen.
Auf die Treue der Fans kann der Verein aber auch weiterhin zählen. Wie zu Zweitligazeiten pilgern regelmäßig 4-5.000 Fans zum Böllenfalltor um "ihre Lilien" siegen zu sehen.

Im Offenbacher Stadtteil Bieber liegt der gleichnamige "Bieberer Berg". Jene schier uneinnehmbare Fußball-Festung, in der die Kickers aus Offenbach zu Hause sind.
Der OFC wurde letztes Jahr 100 Jahre alt und fast ebenso alt scheint auch das Stadion zu sein.
Alte, ziemlich heruntergekommene Steh- und Sitzplatztribünen und eine, für das Publikum zwischenzeitlich gesperrte, Stahlrohrtribüne hinter einem der Tore runden das Bild der Arena ab.
Das Stadion ist so hässlich wie die Stadt selbst, aber vielleicht macht gerade das den Reiz und den Kult OFC aus.
"Die Eintracht darf nicht besser stehen als wir!" heißt seit jeher das Motto der Kickers. Und bis auf das Endspiel um die deutsche Meisterschaft 1959, als die Offenbacher den großen Nachbarn an den Rand einer Niederlage gebracht hatten (um dann doch noch mit 3:5 zu verlieren), haben die Kickers ihr hoch gestecktes Ziel bislang verfehlt.

Der erste Aufstieg in die 1. Bundesliga gelang den Kickers 1969, doch nach nur einem Jahr ging es wieder eine Etage tiefer. 2 Jahre später gelang der Wiederaufstieg, doch wieder ging es sofort in Liga 2. Bitter war, dass der OFC das um nur 1 Treffer schlechtere Torverhältnis hatte als RW Oberhausen.
1973 war der OFC wieder da. Als Aufsteiger beendeten die Kickers die Saison auf einem sensationellen 7. Platz, noch einen Platz vor der verhassten Eintracht.
Bis 1976 hielt sich der OFC in Liga 1, ehe der Bieberer Berg wieder Zweitliga Fußball ertragen musste. Bis ins Jahr 1981 versuchte Offenbach vergeblich aufzusteigen und scheiterte in der Saison 81/82 erst in der Relegation an Bayer Leverkusen (0:1,1:2).
Ein Jahr später folgte dann doch der (und bisher letzte) Aufstieg in Liga 1. Als Vorletzter ging es aber wieder zurück in Liga 2. In dieser Runde wurden auch die beiden, im Ligamodus, letzten Duelle gegen die SGE gefochten. 2:1 gewannen die Kickers am Berg, im Waldstadion setzte es dagegen eine 0:3 Schlappe. Am Ende fehlten 8 Punkte auf Platz 16, der von Eintracht Frankfurt belegt war.
Von da an ging es für den OFC stetig bergab. 2 Punkte Abzug in der darauf folgenden Saison in der 2. Liga und eine absolut verkorkste Saison bedeuteten den direkten Durchmarsch in die Oberliga Hessen.
1987 gelang den Kickers der erneute Aufstieg in Liga 2. Doch der Aufenthalt dauerte nur 2 Jahre. 1989 wurde dem OFC, als Tabellen-15. die Lizenz entzogen. Der OFC war in finanzielle Schieflage geraten, der Konkurs drohte.
Von diesem Schock erholte sich Offenbach vorerst nicht. Triste Jahre in der Oberliga Hessen folgten, ehe sich die Kickers 1994 für die Regionalliga qualifizierten.
Ein Jahr dauerte das Abenteuer RL für den OFC, dann hießen die Gegner wieder Bürstadt, Mörlenbach, oder Bad Soden.
1997 stiegen die Kickers wieder in die RL auf und konnten 2 Jahre später den erneuten Aufstieg in die 2. Liga klar machen.
1999 folgte das bislang letzte Intermezzo in Liga 2. Der OFC stieg nach nur einem Jahr wieder in die RL ab. Und da kicken die Kickers heute noch. Einmal fast ab- und einmal fast aufgestiegen, dieses Jahr als Geheimtipp gehandelt.
Mittlerweile ist die Stahlrohrtribüne renoviert worden und der "Berg" bietet wieder 33.000 Zuschauern Platz.

Die Zugehörigkeit zur 1. Bundesliga hat der OFC vor fast 20 Jahren verloren. Was sie nicht verloren haben, ist die Treue ihrer Fans. Ein Zuschauerschnitt von fast 10.000 sucht in der RL seines gleichen (nur Essen und Braunschweig können ähnlich gute Zahlen vorweisen). Wenn gegen Darmstadt die Derbys anstehen, sind die jeweiligen "Hütten" voll bis unters Dach.

Aber eines vermissen sie in Offenbach ganz bestimmt. Die Fights gegen die "Sch..." Frankfurter. Vielleicht spielen die Kickers nächstes Jahr wieder in der 2. Bundesliga. Da Frankfurt wohl nicht aufsteigen wird, ist dies durchaus möglich. Und dann, endlich dann, hat der Verein aus der hässlichen Betonstadt die Chance es der Diva aus Bankfurt mal wieder so richtig zu zeigen.

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Autor:
Thomas Brückmann
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