29.09.2002 Deutschland – Deine (kleinen) Traditionsvereine
Teil 4: Auf Siegfrieds Spuren, Eine kleine Borussia, Pommes Rot-Weiß

Als Siegfried bei der Erfindung der Nibelungensaga unter anderem das kleine Städtchen Worms verewigte, dachte in der Zeit der Lindwürmer, Amazonen und Meuchelmörder niemand ernsthaft daran, dass in Worms der Volkssport Nummer 1 nicht das Abschlagen von Drachenköpfen, Dolche-durch´s-Schulterblatt-stechen oder Schlammcatchen, sondern Fußball werden würde.
Nun, bis ins Jahr 1908 dachte tatsächlich niemand daran. Aber als man in der Pfalz schließlich herausfand, dass es gar keine Drachen gibt, suchte man eben nach Alternativen. Und man fand sie im Fußball.
Seinerzeit gründeten sich die Vereine VfL Wormatia 08, VfR 08 Worms und Union 08. Vier Jahre später gesellte sich die Viktoria 1912 dazu. Im Jahre 1922 fand man in Worms heraus, dass die Stadt wohl zu klein für vier Vereine sei und würfelte diese kurzerhand durcheinander. Das Ergebnis war der VfR Wormatia 08 Worms.

Während der neu gegründete Verein in den 20er und frühen 30er Jahren ausschließlich auf lokaler Ebene um Punkte kämpfte, schloss sich die Wormatia 1934 den neuen "Gau-Ligen" an. Zwischen 1935 und 1939 kämpfte Worms mehrfach um die Deutsche Meisterschaft. Allerdings gelang es ihnen nie, den Titel in die Pfalz zu holen.

Als 1963 die Bundesliga gegründet wurde, wurde die Wormatia wegen mangelnder materiellen und sportlichen Voraussetzungen nicht berücksichtigt. Dennoch kämpfte der Verein in den folgenden beiden Jahren um den Aufstieg ins Oberhaus. Aber außer einem 1:1 auf dem Gladbacher Bökelberg (Netzer schoss kurz vor Spielende den Ausgleich) und einem Sieg gegen Kiel war die Ausbeute in den Aufstiegsrunden eher mager.

1973 wurde die 2. Bundesliga eingeführt. Und Worms wurde überführt. Der Verein war den finanziellen Anforderungen der Liga nicht gewachsen, verschuldete sich ein wenig und bekam die Lizenz entzogen. 1976 stieg die Wormatia wieder auf und konnte sich bis 1981 auch halten.
Als die 2.Bundesliga eingleisig wurde, hatte die Wormatia wieder einen beachtlichen Schuldenberg angehäuft und musste erneut den Gang ins Amateurlager antreten.
Doch damit nicht genug. Die folgenden Jahre schaffte es Worms mehrfach nicht in die 2. Bundesliga zurück zu kehren und entging auch einige male gerade so dem Abstieg aus der Oberliga. Ende 1994 drohte dem Verein sogar der Konkurs, der in letzter Minute noch abgewendet werden konnte.
Nach dem Fast-Konkurs ging es für die Wormatia ab in die Verbandsliga, die auch nur gerade eben so gehalten werden konnte. 4 Jahre später reichte es für der Verein allerdings wieder zum Aufstieg in die Oberliga Südwest.

Mit fast 1.000 Zuschauern pro Heimspiel kämpft der Klub nun wieder darum an die alten Tage anzuknüpfen. Momentan sieht es recht vielversprechend aus, denn Worms steht im oberen Drittel der Oberliga. Vielleicht sehen wir Siegfrieds Ritter bald in der Regionalliga wieder.

Beim genaueren Hinsehen auf die deutsche Landkarte übersieht man gerne mal etwas. So zum Beispiel ein kleines Bundesland, das nicht gerade Strukturstark ist, in dem viele Bewohner komische Nachnamen haben und welches zeitweise gar den Franzosen gehörte.
Dieses kleine Fleckchen Erde hat dem unbedarften Beobachter auch nicht sonderlich viel zu bieten, es sei denn man interessiert sich für ehemalige deutsche "Kurzzeit-Finanzminister", die in ihrem früheren Leben einmal Bundeskanzler werden wollten, oder man ist ein leidgeprüfter Fußballfan.

Im Saarland hat es ein Fußballfan auch wirklich nicht gerade leicht. Das Auf und Ab des 1.FC Saarbrücken hat, in einer Formkurve dargestellt, ähnlich apokalyptische Kurven wie das EKG eines Herzinfarktpatienten. Dann gibt es noch die Kondomträger aus Homburg und einen Traditionsverein namens Borussia Neunkirchen.

Die Borussia VfB e.V. Neunkirchen/Saar wurde am 24.07.1905 als FC Borussia Neunkirchen gegründet. Wie, warum und weshalb der Verein genau entstand, lässt sich nicht genau nachvollziehen. Angeblich wurde der Klub von einigen Mitgliedern des TuSpVgg Neunkirchen gegründet. Andere behaupten, dass der TuSpVgg von der Borussia gegründet worden sei. Fakt ist aber, dass der Klub 1907 mit der TuSpVgg und dem Sport-Clubs 1906 fusionierte. 1908 kam der Namenszusatz VfB hinzu.

Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts war man in Neunkirchen sehr modebewusst. Die Vereinsfarben der Borussia waren schwarz/rot gevierteltes Trikot, blaue Hose mit rotem Streifen, schwarz/rot geringelte Stutzen und..... Achtung: schwarz/rot geringeltes Käppi!
1908 wurde der Modeberater des Vereins auf dem Scheiterhaufen verbrannt und man einigte sich auf ein komplett weißes Outfit, in das später ein schwarzer Brustring integriert wurde.

Die Borussen kickten in den 30er und 40er Jahren ebenfalls in den Gau-Ligen. 1935 jedoch ging der Verein fast in Konkurs, wurde aber von einem jüdischen Kaufmann gerettet, aus dessen Erbe heute eine kleine und unbedeutende Kaufhauskette namens "Galeria Kaufhof" entstand.
Nach dem 2. Weltkrieg durfte Neunkirchen noch 3 Jahre in der Oberliga spielen, ehe einige Gallier etwas dagegen hatten und alle saarländischen Vereine bis 1951 vom Ligabetrieb ausschlossen.
Die folgenden Jahre gehörte die Borussia zu den besten Vereinen der Oberliga Südwest und konnte 1962 sogar die Meisterschaft der Oberliga feiern.
1964 stieg der Klub in die Bundesliga auf und konnte sich im ersten Jahre einen beachtlichen 10. Platz erspielen, allerdings nur 3 Punkte vom Karlsruher SC entfernt, der damals u.a. absteigen musste.
Im 2. Jahr der Zugehörigkeit konnte der Abstieg allerdings nicht mehr vermieden werden. Neunkirchen wurde 17ter und Vorletzter vor Tasmania Berlin. Doppelt bitter für die Borussia: von gerade einmal 8 Punkten holten die Tasmanen deren zwei bei ihrem 2:1 Heimspielsieg gegen eben jene Neunkirchener. Darüber hinaus setzte es für den Klub so knappe Niederlagen wie 1:9 gegen 1860 oder 1:6 gegen Eintracht Frankfurt.

Wieder in der Regionalliga angekommen, dauerte es bis zur Einführung der 2. Bundesliga, ehe der Verein wieder höherklassig spielen durfte - allerdings nur ein Jahr, dann folgte wieder der Abstieg. Weiter ging es: 1978 Aufstieg, 1979 Abstieg, 1980 Aufstieg, 1981 Abstieg.
Und in der Oberliga blieben die Borussen bis zur Einführung der neuen Regionalliga im Jahr 94. Doch nach nur 2 Jahren marschierte der Klub geradewegs zurück in heimische Gefilde, in die Oberliga.
Und da blieben sie auch bis in die letzte Saison, in welcher der Klub endlich wieder den Aufstieg in die Regionalliga schaffte.

Obwohl in den meisten Regionen Deutschlands verständlich in unserer Muttersprache gesprochen wird, so ist NRW heute noch ein El Dorado für jeden Grundschulen-Grammatik-Missionar.
"Gib mich die Kirsche", "Zu die Pressetische" oder ständiges "Boah" und "Glaubse" gehören wohl noch zu den eher harmlosen Redensarten dieses bodenständigen Volkes. Gut wir wollen ja hier nicht lästern, schließlich verdanken wir Deutschlands größtem Bundesland nicht nur Stahlbau-Konkurse, Grubenschließungen, Herbert Grönemeyer und den Großteil des Smogs im Sommer. Nein, hier wurde auch die Currywurst und das "Stadion-Weltrekord-Besuchen-via-Straßenbahn" erfunden.
An einer dieser unzähligen Stadion-Haltestellen residiert ein Klub, der Namensvetter des größten deutschen Energiekonzerns (auch Trikotsponsor einer nicht genannten Werkself) ist. Also nicht der Verein ist Trikotsponsor, sondern der Energiekonzern.

An einem nasskalten 1. Februar 1907 gründete sich in Essen-Vogelheim der gleichnamige Sportverein. Dieser wiederum entstand aus den beiden Vereinen "SC Preussen" und "Deutsche Eiche". 1910 gründete der "Sportverein Vogelheim" zusammen mit dem "Turnerbund Bergeborbeck" eine Fußballabteilung. Am 18. September 1913 löste sich die Fußballabteilung und wurde zum "Spiel- und Sportverein Emscher/Vogelheim". Nach dem 1. Weltkrieg benannte der Verein sich in " Spiel und Sport 1912" um. Warum ausgerechnet 1912 und nicht 1913 ist leider nicht bekannt.
1923 fusionierte Spiel und Sport erneut mit dem Turnerbund und "Rot-Weiss Essen" war geboren.

Dieser Verein spielte im "Stadion an der Hafenstraße". Dieses Stadion hatte 1.428 Sitz- und 25.000 Stehplätze und wurde 1939 auf 30.000 Plätze erweitert. Gast im Eröffnungsspiel war der FC Schalke 04. Das schöne neue Stadion wurde allerdings während des 2. Weltkriegs nahezu vollständig zerstört und so machte man sich nach dem Krieg an den Wiederaufbau.

Die glorreichen 50er Jahre sollten auch die glorreichen 50er von RWE werden.
1953 wurde der Klub durch ein 2:1 über Alemannia Aachen deutscher Pokalsieger. Schütze des 1:2 Anschlusstreffers für Aachen war übrigens ein gewisser Jupp Derwall. Der Schütze zum 2:0 für Essen ein fast "unbekannter" Spieler namens (Kopfball-aus-dem-Hintergrund-müsste-Rahn-schießen-Rahn-schießt-Tor-Tor-Tor) Helmut Rahn, der im darauf folgenden Jahr zu Fußball-Weltruhm kommen sollte.

RWE konnte an die guten Leistungen von 1953 anknüpfen und wurde 1955 Deutscher Meister. Nach Siegen über Offenbach, Worms (hatten wir die heute nicht schon mal?) und Bremerhaven traf Essen im Endspiel auf den 1.FC Kaiserlautern.
Es stand 3:2 für Essen, als ein gewisser Basler einen Foulelfmeter zum 3:3 verwandelte (ich wusste doch, dass der Mario bei seinem Alter flunkert). Kurz vor Abpfiff markierten die Essener das 4:3 und waren Meister.

Der Bundesligastart 1963 verlief ohne die Essener. Da Essen zwischenzeitlich abgestiegen war, kam eine direkte Qualifikation nicht in Frage.
1965 schaffte der Verein allerdings den sportlichen Aufstieg. Traurig war aus Essener Sicht, dass einer der Gründerväter des Vereins, Georg Melches, mittlerweile verstorben war. Ihm zu Ehren wurde im Jahr zuvor das Stadion in "Georg-Melches-Stadion" umbenannt.

Zwischen 1966 und 1977 pendelte RWE von nun an zwischen der 1. und der 2. Bundesliga.
Nach dem Abstieg ins Unterhaus 1977 gelang den Essener allerdings der Aufstieg nicht mehr. Viel schlimmer, 1984 ging es für den Klub in die Oberliga. 1986 konnte der erneute Aufstieg verbucht werden. Doch 1991 ging es durch Lizenzentzug wieder eine Etage tiefer.
1992 wurde Essen deutscher Amateurmeister und konnte 1993 wieder in die 2. Liga aufsteigen. Doch bereits 1994 war wieder Schluss mit Profifußball und der 2. Lizenzentzug stand ins Haus. Im gleichen Jahr wurde Essen Vize-Pokalsieger. Im Endspiel unterlag RWE dem SV Werden Bremen mit 1:3.
1996 ging es für Essen noch einmal für eine Saison in die 2. Bundesliga. Am Ende der Runde stand der erneute Abstieg, der 1998 gar durch den Abstieg in die Oberliga getoppt wurde.
1999 stieg Essen wieder in die Regionalliga auf. Dort konnte man mit Mühe die Klasse halten und entging 2001 knapp einem erneuten Zwangsabstieg.
In der vergangenen Saison hatte RWE die große Chance erneut in die 2. Liga aufzusteigen. Doch im Fernduell gegen Eintracht Braunschweig zog Essen den Kürzeren, da sowohl Essen und Braunschweig ihre Spiele gewinnen konnten, Braunschweig aber nicht hätte gewinnen dürfen.

Somit bleibt Essen eine weitere Spielzeit der Regionalliga Nord erhalten. Es wäre schön, wenn dieser Verein wieder einmal im Profifußball zu sehen wäre. Es gibt ja auch genug ehemalige deutsche Meister, die ihr Dasein auf den Hart- und Rasenplätzen im Umland fristen müssen.

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von Thomas Brückmann
Autor:
Thomas Brückmann
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