06.05.2005 Mr. X meets Buggi Balboa
Schauplatz Alm. Pardon: Schüco-Arena. Sieht von außen aus wie eine frisch modernisierte Berufsschule. „Ostwestfalen, Idioten..." dröhnt es aus ca. 1500 Kehlen, während die heimische Arminia, 2:0 führend, auf dem Rasen fröhlich vor sich hin dilettiert. Gegner ist Fortuna Düsseldorf, und es ist natürlich die kleine Arminia, die hier vorführt, wie man aus keinen Chancen Tore macht.
Letztlich endet das Abstiegsduell mit einem wenig euphorisierenden 2:2. Da muss man vor der langen Rückfahrt nach Berlin schon noch ein bisschen Ergebniskosmetik betreiben, am besten mit Herforder Pils. Auf dem schmucken Vorplatz des Bielefelder Hauptbahnhofs ist denn auch gut Seele baumeln lassen. Das Bier ist wohl temperiert, der Wettergott zeigt sich von seiner barmherzigen Seite, auch das Auge bekommt was geboten:
Ist aber auch wirklich doof gelaufen für die Ordnungshüter. Soeben endete hier, an der Nordseite, der Aufzug der Münte-Jünger. 16-, 17-jährige „Autonome" im schwarzen Einheitslook nebst Sonnenbrillen und halbwegs professioneller Mundverhängung, aus Bielefeld und den Nachbarmetropolen Paderborn, Herford, Gütersloh, Löhne usw. hatten sich zuvor bei einem kollektiven Spaziergang mit den Entrechteten und Geknechteten dieser Welt solidarisiert und die totale Ökonomisierung unseres Lebens angeprangert. Argwöhnisch von mehreren grünen Dutzendschaften beobachtet, genossen auch die Sozialrevolutionäre, in großen Gruppen auf dem Boden kauernd, den lauen Vorabend vor dem Bahnhofsgebäude, die Demoflyer, auf denen Auskommen für alle auch ohne Arbeit gefordert wurde, locker in den Hosentaschen verstaut.
Blöd, dass ausgerechnet jetzt von der Südseite des Bahnhofs die F95-Fans anrückten, die denselben Vorplatz zum Verweilen bis zur Rückfahrt an den Rhein auserkoren. So kam es, dass ausgerechnet einige der Jungs, die schon in den 80ern so manchen Knochen in Bundesligastadien brachen, zum mehr oder weniger gefragten Diskussionspartner der Ray Ban-Träger wurden. Zwingend dem linksextremen Spektrum zuzuordnen ist diese rot-weiße Klientel nicht gerade. Von daher blieb der historische Schulterschluss der unteren Klassen aus. Da die Scharmützel aufgrund der umsichtig agierenden Uniformträger verbaler Natur blieben und die Fortunen auch bald zum Gleis mussten, stand der Fortsetzung unserer kosmetischen Bemühungen nix mehr im Wege, schließlich war es noch eine gute Dreiviertelstunde bis zur Abfahrt nach Berlin.
Eine kräftige Hand umschloss bald darauf meine Schulter und die eines meiner Reisegenossen. „Muss ich euch sagen, Düsseldorf gut, muss zurückkommen in 1. Liga, Düsseldorf ist eine Stadt, würde ich Fortuna gönnen, obwohl ich Arminia bin, nee, ehrlich Jungs, Fortuna..." blabla. Unser ungebetener Gast stellte sich als Kompaktversion von Darius Michalszewski heraus, die Muckies in seinem Jeanswear nur notdürftig verborgen. Während die Frikadellen an unseren Backen wuchsen, verriet uns der Muskelmann auch ungefragt seinen Namen: Buggi Balboa, der polnische Hengst. Wenn wir Probleme hätten in Bielefeld, jaaa, dann bräuchten wir nur seinen Namen sagen. Wir seien jetzt seine Gäste. Eine starke Schulter zum Anlehnen, dachte ich mir, das, wonach Frauen sich sehen, dachte ich, doch ehe ich zu Ende gedacht hatte, hieß es „Ich hole Bier für euch", „ich lade ein euch". „Hey, wir ham ne lange Rückfahrt, hol am besten nen paar mehr". „Gut, hole 10 Stück", erwiderte Buggi. Gesagt, getan. Handlich verpackt in 2 Tüten, wechselten 10 Herforder unentgeltlich den Besitzer. Ehrensache, dass wir ihm eine abgaben und miteinander anstießen.
Inmitten der befriedeten Szenerie tauchte eine wohlbekannte Chimäre auf: Mr. X. Jahrelang blieb er im Dunkel, wohl wie Gollum in die Höhle verbannt, aber keineswegs erledigt, nein, vielmehr putzmunter präsentierte sich mein guter alter Bekannter Mr. X, als er das Gespräch mit uns suchte. Schließlich waren wir mittlerweile wohl die letzte rot-weiße Brut in Bielefeld. „Bus verpasst", entfuhr es ihm. Nun, er hatte wohl auf der Alm den oder anderen Polizisten in philosophische Debatten verwickelt, und statt um 16:15 Uhr kam er, tja, erst um 16:20 Uhr zum vereinbarten Bustreffpunkt. Der Zug nach D‘dorf war bekanntlich auch schon weg. Die Aussicht auf eine einsame Nacht in der Bahnhofsmission schien Mr. X aber nicht sonderlich zu beunruhigen.
So brachten wir ihm in Seelenruhe bei, dass gar nicht stimme, was die Bullen ihm gesagt haben, nämlich dass wir 1:0 gewonnen hätten. „Schweine", fluchte er, während ich in Buggi Balboas Gesicht die Besorgnis wachsen sah. Mr. X ist anatomisch nicht unbedingt ein Henry Maske, aber doch ein starkes Kerlchen. „Viel Spaß mit dem", zwinkerte uns einer der Einsatzleiter unterdessen zu. Ich überlegte, ob ich ihn an unser Dresden-Erlebnis erinnern sollte, als er wahllos Passanten mit Döner-Zwiebeln bewarf und wir einen Heidenspaß in den Backen hatten. Einer meiner Mitreisenden ließ es sich nicht nehmen, Mr. X ins Gedächtnis zu rufen, dass er, Mr. X, ihm ’87 in Bochum mal den Arsch vor der berittene Bullerei gerettet habe. Gemeinsame Erinnerungen verbinden.
Da der Zeiger Richtung Eintreffen unseres Zuges wanderte, verpassten wir der Diskussion Schwung. „Hast du Problem?", fragte Balboa Mr. X, „Wochenendticket" hörte man aus den Grunzlauten immerhin heraus. Ein hundsgemein schneller Griff ans Gesäß, zack, das Portemonnaie gezückt - ob er denn Geld für das Ticket habe, erkundigte der polnische Hengst fürsorglich. Ein Moment der Spannung, wie man aus Filmen wie „Zwölf Uhr mittags" kennt, ein Augenblick, der länger als normal zu verweilen scheint, alles geschieht wie in Zeitlupe, Blicke wandern unruhig hin und her. „Klar hab ich Geld", mustert Mr. X Buggi Balboa in einer Mischung aus Verwunderung und aufsteigendem Wofür-hältst-du-mich-Hass, sofern er zu differenzierten Emotionen fähig ist. „Helf ich dir sonst, seid ihr meine Gäste", begründete Balboa hernach seine relativ spontane Hilfsbereitschaft.
Herzzerreißender Abschied. Buggi drückt uns und verpfeift sich vom Bahnhofsvorplatz. Und Mr. X, der so ganz ohne Freunde und Helfer auf der Bahnhofsplattform zurückbleiben musste, während wir in den ICE nach Berlin stiegen, winkt uns zum Abschied, allein in Ostwestfalen. Gut, dass wir dem mächtigen Druck aufs Gemüt mit dem ein oder anderen Pils wirkungsvoll begegnen konnten.
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Autor: Zé Freak | Anmerkungen? Kritik? Ab ins Forum |
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